Montag, August 31, 2015

DIE GENTRIFIZIERUNG DES WUNDERLANDES

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DIE GENTRIFIZIERUNG DES WUNDERLANDES
oder
ich will nicht alles kaufen müssen, was ihr denkt, das ich mir vorstellen können soll



Das Wunderland, wo seit Urzeiten die phantastischen Figuren der menschlichen Vorstellung leben, erglänzt dieser Tage von Gotham bis zur Kristallstadt, von Hobbingen bis Nimmerland in hochauflösender Pracht. Überall wird saniert. Gleich, ob es sich um das waldwärtige Domizil von Rotkäppchens Großmutter, das Schloss der Herzkönigin oder die kleine, auf dem alten Friedhof errichtete Neubausiedlung im dunklen Teil des Landes handelt. Schauplätze und Darsteller von Terminator bis Schneewittchen müssen franchisetauglich gestaltet werden, wenn Investoren das Wunderland in ein neues Zeitalter führen, einen Markt von Endlosserien, Remakes, Sequels, Prequels und Drumherumerumquels kultivieren und so neue Arbeitsplätze für die Wunderlandbelegschaft schaffen. Zumindest für HD-taugliche und vor allem über- und unterdurchschnittlich attraktive Darsteller. Denn Mittelmaß gibt es jenseits des Wunderlandes genug, und seine Aufgabe besteht vor allem darin, dafür zu zahlen, sich ob des zu viel oder zu wenig erfreuen oder erschrecken zu dürfen.
Derweil werden Märchen und Mythen so weit zusammengestrichen, dass sie selbst noch ein seit zwei Jahren abgelaufener Joghurt versteht. Explosionen statt Subtext, und ein notfalls erzwungenes Loveinterest. Wichtig ist den Machern schlussendlich nur jene wohldosierte Mischung aus Beischlaf, Gewalt und Romantik, wie sie optimalerweise ab 12 freigegeben wird, damit Kinoviehtrieb und Merchandise sich auszahlen.
"Das Mädchen mit den Schwefelhölzern II - jetzt wird noch mehr gezündelt"
Productplacement im Wunderland, Schneewittchen als Werbeikone, Jesus in der Juniortüte und alle anderen Talente der Superhelden von Marvel bis DC verblassen im Vergleich zu ihrer Fähigkeit, die Taschen der Franchisenehmer vollzumachen.
Lebten die Gebrüder Grimm heutzutage, Rotkäppchen liefe, angereichert mit sinnentleerten Special-Effects und einer gewaltigen Schlacht um den Wald der Großmutter,  als dreiteiliger Monumentalfilm zu Weihnachten. Der böse Wolf bekäme eine Spin-Off Serie, in der wir erfahren würden, weshalb er eigentlich böse wurde, die Großmutter bekäme eine eigene Kochshow und Rotkäppchen machte Werbung für Dinge, die es, als ich ein Kind war, noch gar nicht gab. In einer App könnte man vor einem putzig animierten Wolf fliehen und mit einem Klick keine Neuigkeit aus Rotkäppchens Leben mehr verpassen. Dazu würde freilich auch das nicht unexplizite Pornovideo gehören, das der Jäger irgendwann hochgeladen hätte, wofür Rotkäppchen ihn verklagen würde, was wiederum zur Folge hätte, dass sie in der Klatschpresse noch einige Monate oben schwimmen würde. Bevor sie am Rande des Wunderlandes in einer Gegend enden würde, über die dort niemand gerne spricht: im Dschungelcamp, das Mowgli, Baghira und Balu kurz zuvor hätten räumen müssen, weil ihre Gewinnprognose im direkten Vergleich zum Känguruhodenlutschpotential zu gering ausgefallen war.
Um all das herum sprössen derweil Fabriken für kurzlebige Mythen. Legenden mit dreimonatiger Halbwertzeit, wie sie nach Abverkauf der entsprechenden Plastikfiguren, Bettwäsche und Klopapierkollektion nahtlos durch neue ersetzt werden können.
Und während wir uns noch an der immensen Auswahl gestutzter Wunder erfreuen, in denen Subversion keinen Platz mehr hat, wird keiner bemerken, wie irgendjemand heimlich irgend eine Aktienmehrheit an sich reißt, und das Ganze von einem Tag auf den anderen plötzlich das Coca-Cola, Nestlé oder Red Bull Wunderland heißt.
Aber auch daran würde wohl niemand sich stören.
Es ist lange schon nicht mehr das Nichts, das Fantasien bedroht. Oder vielleicht ist es ein anderes Nichts. Die käufliche Nichtigkeit einer entwunderten Welt, wo Hans im Glück längst in eine kleine chinesische Textilfabrik investiert hat.
Sie haben die Saurier, die Superhelden, die Piraten und die Hobbits bekommen. Haben die Magier, die griechische Mythologie und sogar Alice gekriegt. Und sie stehen längst im Begriff, das Wunderland in eine Reihenhaussiedlung zu verwandeln, wo unter jedem Namen GUT oder BÖSE am Klingelschild steht.
Doch es gibt sie noch immer, jene kleinen verwunschenen Orte jenseits des gemainstreamten Phantastikidylls, wo in Büchern und Filmen verwegene Träume gedeihen,  ihre Schublade sprengen und zu sonderbar sind, als dass sie irgend jemanden reich machen würden. Aber sie werden weniger. Und schwerer zu finden. Weil uns von allen Werbetafeln und aus jedem Monitor domestizierte Allerweltsträume mit weichgespült kleingeistiger Moral entgegenstarren, um uns auf die sparsame Seite der Vorstellung zu locken.
Sind wir in den vergangenen Jahren nicht genug durchgepottert, verstarwarst und gespongebobed worden, um inzwischen begriffen zu haben , wie viele phantastische Säue hinter den Türen jener Investoren darauf warten, durch das Wunderland getrieben zu werden und dass diese Leute längst genügend verschissene kleine Plastikfiguren produziert haben, um darin auch noch die kommenden drei Generationen zu ertränken?
Jenes Wunderland war einmal der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Wo ich Freunde fand, die ich nicht bezahlen musste und Helden, die nicht bloß mein Taschengeld wollten. Dort habe ich denken, lieben und träumen gelernt. Ohne Abo, Sequel und das Freischalten höherer Level gegen Geld. Bevor das Wunderland ein lohnendes Geschäft wurde und man die Spiegel plötzlich auch von der anderen Seite polierte.
Das ist nun schon einige Zeit her. Und doch wünsche ich mir von Herzen, dass auch fortan Kinder, seien sie dick, schielend oder einfach nur anders, ihre Chance bekämen, an diesem Ort etwas zu finden, das magisch, besonders und nicht mit einem Werbeaufdruck versehen ist.

Wenn euch jener Ort etwas wert ist, wenn auch ihr dort selbst großgeworden seid, und die Zeit dort euch etwas gelehrt hat, dann wehrt euch! Schließt euch der Wunderlandmiliz an. Und kämpft. Kämpft mit allem was ihr habt. Mit der Kamera, den Tasten, dem Stift, mit euren Freunden, euren Latexschwertern, euren Nerfguns und eurem Steampunkzylinder. Vor allem aber mit eurer Phantasie! Darum, dass niemand sich die Brüste vergrößern muss, damit er in einem Märchen mitspielen darf und darum, dass die Macht der Vorstellung grenzenlos und unberechenbar bleibt.
Schreibt Bücher, die sonderbar sind, Geschichten, die verwirren, erschafft Figuren, die niemals in eine Juniortüte passen würden. Stellt den voranpreschenden Geldmaschinen Bollwerke aus Buchstaben und Träumen entgegen und ersinnt Unglaubliches statt Verkäufliches. Wagt, mehr Undenkbares zu denken!
Sonst werden früher oder später an jedem Weg der hinüber führt, kleine Kassenhäuschen stehen. Die Rechte an Sindbad gehören dann Monsanto und ausnahmslos alles wird ab 12 Jahren freigegeben sein.

Ich weiß, dass es für all das beinahe zu spät ist. Dass wir es vermutlich nicht aufhalten können. Aber mit etwas Glück wird es irgendwann heißen:
Die nahe Zukunft.
Das ganze Wunderland ist von Aktionären besetzt.
Das ganze Wunderland?
Nein. Ein von unbeugsamen Phantasten besiedeltes Dorf hört nicht auf, vermeintlichen Verkaufsargumenten Widerstand zu leisten ...

Bewaffnet euch. Schießt euch an!
Die Wunderlandmiliz braucht euch.


mit dank an caracan draco für das formidable logo, sowie frau t. und frau w. für ein beherztes korrektifizieren
 

Mittwoch, Februar 18, 2015

JA, WO LAUFEN SIE DENN

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ODER VON DER HALBWERTZEIT DES WUTBÜRGERTUMS


Die Geschichte ist unerbittlich. Ohne Innehalten schreitet sie voran. Ähnlich wie der wandernde Stammtisch, Ortsgruppe Leipzig: LEGIDA. Wobei Name und Schriftzug frappant an einen bekannten braunen Brotaufstrich erinnern. Aber genau darum ging es wohl ursprünglich auch. Die Etablierung einer Marke. Seit wutbürgerliche Stiefel Dresdener Asphalt polierten und PEGIDA über Sachsens Ufer zu schwappen dräute. Was allerdings schon etwas her ist. Längst frisst die Pegidation ihre Kinder und jene Kleinbürgerwutkanalisierer, die nibelungisch deutsches Brauchtum im Sachsenhort zu hüten sich verschworen hatten, zerfleischen sich nunmehr gegenseitig. Weil die einen nicht für das stehen wofür die anderen stehen, die wiederum nicht sicher sind, wer ihnen eigentlich vorsteht, während andere wieder nicht verstehen, wo eigentlich steht, wo genau sie hinter stehen. Aber wie auch immer: Letztes Mal standen da mehr. Und davor noch mehr. Und davor wiederum meinte man, dass da unter Umständen sogar 40.000 hätten stehen können. Womit wir wieder in Leipzig, Speerspitze der Polizeitouristik und Vorreiter kreativer Teilnehmerschätzung, wären, wo die gewaltige Legidion bei Realitätskontakt ein maßgebliches Minuswachstum aufwies. Auch wenn geifernde Agitatoren auf dem Augustusplatz der Überzeugung waren, dass Zehntausende Protestwillige von unfähigen Polizisten und impertinenten Konterprotestlern vom Legidieren abgehalten würden.
Den anwesenden abendlandbewahrenden Stammtischlern agitierte man mit erhobenem Zeigefinger und geballter Faust freundlich zu. „Ihr seid das Volk!“ ließ man sie lautstark wissen. Derlei Worte bestärken ungemein. Und wenn man sie auch ebenso glaubhaft in jeder Strafvollzugsanstalt, jedem Bordell und jeder Selbsthilfegruppe dieses Landes aussprechen könnte, so schaffen sie auf einem Platz politisch fragmentarisch interessierter Spaziergänger doch ein außerordentliches Gruppengefühl und eine Ahnung von Legidimation.
Besagte Leute aber durchweg für Nazis und Idioten zu halten wäre, auch wenn es vielleicht dem ein oder anderen Bessermenschen missfällt, nicht richtig.  Obwohl von denen sicher auch welcher da waren. Aber letzten Endes bedienen die Menschen sich mit ihrer Demonstration eines klassischen Werkzeugs der Demokratie. Was durchaus legitim ist. Und darüber hinaus nicht ungroßartig, wenn Gegenstimmen sich ebenso legitim erheben und Volkes Meinung sich wirklich zeigt. Dann nämlich wird ersichtlich, was besagte Demokratie - wo immer sie sonst auch kränkelt - vermag. Selbst wenn vereinzelt Leute darauf bestehen, dabei Dinge anzuzünden und die Meinungen darüber, wie viele wann wo was genau getan haben, ein wenig auseinander gehen.
Derweil also am Rande der Veranstaltung ein paar versehentlich vermummte Rechte ein paar Linke jagen, jagen anderswo ein paar Linke ein paar Rechte (wobei der Ordnung halber erwähnt werden muss, dass sowohl die einen als auch die anderen irgendwie das Volk sind). Aber schlussendlich ist das Ganze am Ende vor allem ein exemplarisches Lehrstück der freien Meinungsäußerung.
Längerfristig freilich auch eine Studie zur Halbwertzeit des Wutbürgertums.
Am Ende marschiert dann jeder wieder seines Weges.
Bis auf die tollwütigen Nibelungen.
Und 35.000 Leute, die sich vor einiger Zeit vielleicht in Leipzig verlaufen haben.


Donnerstag, Mai 15, 2014

Surveillance Soap 2.0 - anders, authentisch, innovativ


LEIPZIG
ENDLICH WIEDER GANZ VORN DABEI!


Während man unseren Feindbildgenerator neu kalibriert und  islamistische Extremisten gegen kriegstreibende Russen austauscht, wird im lieblichen Leipzig Mediengeschichte geschrieben. 
Durch das Ende von "Wetten dass....?", dem bedeutendsten deutschen Fernsehbeitrag der Nachkriegszeit, sieht hierzulande niemand geringeres als die Polizei sich berufen, ein Fernseh-Experiment zu wagen, das in Deutschland seinesgleichen sucht. Dabei gehen die Macher im Rahmen ihres Surveillance-Soap Konzeptes derart verwegen, innovativ und einzigartig vor, dass es einen beinahe schaudern lässt. 
Nachdem eine ältere, von vier fest installierten Überwachungskameras gestützte Form des Konzeptes den ehrgeizigen sächsischen Ordnungshütern nicht ausreichend erfolgreich schien, strebten sie danach besagtes Konzept zu verbessern. Das Problem war, dass besagte Kameras offiziell installiert, somit bekannt und dementsprechend damit dazu angetan waren, überwachte Individuen in ihrer Unterhaltsamkeit zu hemmen. Ein Umstand, der der Qualität des Programmes kaum förderlich war.

Darum beschloss man im Geiste einer langen regionalen Überwachungstradition, herrschende Gesetze zu umgehen und darüber hinaus, um Leipzigs Leben, Lieben und Leiden authentisch und unverfälscht einfangen zu können, noch einige versteckte Kameras zu installieren. Natürlich ist derlei rechtlich nicht unbedenklich, geschieht aber doch letztendlich ganz im Sinne der großen Samstagabendunterhaltung und jenes, durch demokratische Gegenwartspolitiker sinnfällig erweiterten Ausspruches von Benjamin Franklin: 
"Wer seine Freiheit für seine Sicherheit aufgibt, wird am Ende schließlich beides verlieren. Was ja aber vielleicht nicht unbedingt schlecht sein muss."
Natürlich ist derlei rechtlich nicht unbedenklich. Doch all das geschieht letztendlich eingedenk des Endes einer bedeutenden Samstagsabendshow und jenes  durch demokratische Gegenwartspolitiker sinnfällig erweiterten Ausspruches von Benjamin Franklin: 
"Eine Gesellschaft, die ihre Freiheit aufgibt um Sicherheit zu erlangen, wird am Ende beides verlieren. Was ja aber vielleicht nicht unbedingt schlecht sein muss."

Bezüglich des Beginns der Dreharbeiten gab es dann bedauerlicherweise noch einige Unstimmigkeiten. Ausgelöst durch Leipziger Bürger die das polizeiliche Entertainment-Engagement leider nicht zu schätzen wussten. Diese Spielverderber waren es, die sich, zufällig eine der drei versteckten Kameras auffindend, nicht nur  empörten, sondern darüber hinaus das ganze schöne Konzept durch Bekanntmachung des Kamerastandortes beinahe zunichte machten! 

Gott sei Dank reagierte der gößte Teil der Leipziger Bürger darauf mit jener trägen Ignorranz, wie sie dem Zerrbild einer Demokratie so förderlich ist, so dass die zwei verbliebenen heimlich installierten Kameras  vermutlich nicht gefährdet sind. 

Mit etwas Glück werden also auch wir, wenn das Material gesichtet, auf die spannendsten Stellen zusammengeschnitten und die Leipziger Polizei bereit ist, all das mit uns zu teilen, bald an ihrem Pioniergeist  teilhaben dürfen.
Bis dahin reicht es, wenn Sie wissen, dass irgendwo in der Stadt zwei versteckte Kameras rund um die Uhr aufzeichnen. 

(Und da besagte Kameras tatsächlich überall stehen könnten, bemühen Sie sich vielleicht auch in ihrem Schlafzimmer künftig um eine bessere Haltung und etwas mehr Dialog).

Ich bin mir sicher, dass nicht nur Leipzigs Polizei Ihnen mit Vergnügen dabei zusehen wird...


copyright 2014 christian von aster

Montag, August 05, 2013

SICHERHEIT - Aus der Region, für die Region


HERR MÜLLER VON DER NSA SACHSEN
wie verbraucherfreundliche Überwachung meine Beziehung rettete

Unter Zuhilfenahme einer nicht uneinfühlsamen E-Mail beendete ich kürzlich meine langjährige Beziehung.  Zumindest war das der Plan, der jedoch nicht aufgehen sollte. Das lag allerdings weder an mir noch Susanne, sondern vielmehr an Herrn Müller von der NSA Sachsen. Dieser nämlich schickte mir besagte Mail fünf Minuten nach dem Absenden wieder zurück und teilte mir mit, dass  er beschlossen hätte, meine Mail in seiner Eigenschaft als Assistant Operator für Informationsdelegationsmanagement der NSA Sachsen erst einmal nicht weiterzuleiten. Vor allem, weil er meinen Wunsch die Beziehung zu beenden für unangemessen erachtete: Die Anzahl  der Liebhaber nämlich, die ich Susanne - nachdem ich sie mit  ihrem Yogalehrer in flagranti erwischt hatte - in besagter Mail unterstellte, läge mit mehr als 100% über der aus den Fakten ersichtlichen Zahl. Während ich von fünf Männern ausging, würde es sich ihm zufolge lediglich um zwei handeln. Neben mir und dem Yoga-Lehrer befände sich im Beischlafpool meiner Partnerin lediglich noch ein Schriftsteller mittleren Alters. Herr Müller meinte, mich im Zuge der SMS Auswertungen auch insofern beruhigen zu können, als dass Susanne mit keinem der beiden ernste Absichten verfolge. Zumal die letzte Steuererklärung des Yoga-Lehrers ihn zu keiner allzu guten Partie machte, während der Schriftsteller verheiratet wäre und seine Frau vor drei Tagen die Aktbilder meiner Freundin auf seinem Rechner entdeckt hätte. Bei diesen würde es sich übrigens um eben die handeln, die Susanne auch mir vor zwei Jahren geschickt hätte und die sowohl Herr Müller als auch die Kollegen von der Spätschicht für sehr geschmackvoll erachteten.  Ich könne mir gar nicht vorstellen, was sie sich da alles anschauen mussten.  Wobei natürlich auch die Fotos, die ich heimlich von meiner Nachbarin gemacht hätte, eine Ausnahme bilden würden. Darauf schrieb Müller, dass es sich für mich durchaus lohnen könne, diese Bilder und alles was sonst so anfiel gleich selbst auf den NSA Server hochzuladen.  Zumal es im Zuge einer aktuellen Imagekampagne gerade attraktive Prämien pro Gigabyte gäbe. Die NSA hätte nach dem jüngsten Überwachungsdebakel nämlich beschlossen, künftig etwas verbraucherfreundlicher zu überwachen. Schließlich sei man im Hinblick auf Überwachung ja vor allem in den neuen Bundesländern ein gewisses Maß an persönlicher Betreuung gewohnt. Und da empörte es zurecht, wenn das Ganze zu einer anonymisierten und komplett aus Ausland abgewickelten Datensammlung verkam, für die nicht mal irgend jemand Steuern zahlte. Um also die Wogen der Empörung zu glätten, plane man unter anderem eine nach Terabyte abgerechnete Überwachungssteuer. Und im Zuge des Konzeptes ‚Sicherheit -  Aus der Region für die Region’ die strukturelle Stärkung der Bundesländer durch Gründung örtlicher Zweigstellen und Übernahme von Langzeitarbeitslosen.
Und da wir gerade beim Thema wären, könne er mir hinter vorgehaltener Hand auch  mitteilen, dass  der Bankrott meines Arbeitgebers innerhalb der kommenden drei Monate außer Frage stand. Da aber die Wahrscheinlichkeit einer Neuanstellung aufgrund meines Lebenslaufs eher unwahrscheinlich wäre, könnte ich künftig auch als freier Mitarbeiter der NSA Sachsen nachbarschaftsrelevante Daten einreichen. Davon könnte man jedoch erst ab einer Tagesdatenmenge von zwei Gigabyte leben, für die es wiederum ein wenig Praxis brauchte. Da könnte er mir aber eine Broschüre zuschicken.
Bis ich davon leben konnte, wäre jedenfalls mit einer kleinen Durststrecke zu rechnen, weshalb er persönlich es - da Susanne ja ganz gut verdiene - für klüger hielt, meine Beziehung nicht zu beenden.
Abschließend bot Herr Müller mir für die Zukunft neben einer persönlichen Rechtschreibprüfung meiner Mails auch noch Internet und Telefon aus einer Hand direkt über die NSA und verabschiedete sich dann mit den besten Wünschen.

Naja, was soll ich sagen: seit kurzem habe ich einen unschlagbaren Internettarif, bin Anwärter für eine Stelle als Assistant Operator für Informationsdelegationsmanagement und morgen frage ich Susanne, ob sie mich heiraten will.
                                                                                                                        


Freitag, Januar 18, 2013

AUSGEWICHST

 

AUSGEWICHST

wo Schuhpflege, Pigmente und Neusprech zusammenkommen


Ausgewichst. Das hat zumindest der Thienemann  Verlag beschlossen. Und zwar im Zuge der sprachlichen Bereinigung von Kinderbuchklassikern wie ‚die kleine Hexe’ und ‚Räuber Hotzenplotz’ mit dem Ziel, diese dem schwindenden Wortschatz  der Gegenwart anzupassen.
Während der Terminus ‚wichsen’ früher die höchst löbliche Pflege des Schuhwerks von Hand und die körperliche Zurechtweisung von Kindern bezeichnete, ist der Begriff dieser Tage so nicht mehr gebräuchlich, weshalb der Verlag, dem Verständnis junger Leser zuliebe, beschlossen hat, das fragliche Wort zu tilgen.
Dafür kann man Verständnis aufbringen.
Doch in vorauseilendem Gehorsam gedenkt Thienemann  dem Gesetz der Political Correctness  folgend an der kleinen Hexe noch einiges mehr zu ändern. Kinder, die sich darin bis dato als Neger verkleiden, werden das künftig nicht mehr tun. Auch Türken und Chinesen stehen laut Verlag in diesem Kontext künftig nicht mehr zur Disposition.
Das allerdings ist nicht weiter verwunderlich, sollte doch auch Huckleberry Finn bereits um politisch inkorrekte Terminologie zur Bezeichnung von anders pigmentierten Mitmenschen bereinigt werden. Und auch das wäre gewiss ein löblicher Ansatz, wenn es dabei nicht gerade um ein Buch ginge, das Ende des 19. Jahrhunderts verfasst wurde und unter anderem Sklaverei zum Thema hat.
Aber auch das ist vermutlich nur konsequent, tut man in den Verlagen doch sicher nicht falsch daran,  vom Fehlen mündiger Konsumenten auszugehen. Von Eltern die in der Lage sind, ihren Kindern  Worte zu erklären und Lesern, die wissen und reflektieren können, dass ein Buch immer auch ein Produkt seiner Zeit ist.
Im Dienst der Political Correctness ließe sich aber noch weit mehr tun. Und da es um eine bessere Welt geht, sollte man da keine unnötige Zurückhaltung walten lassen. Problematische Gewaltdarstellungen ließen sich beispielsweise dadurch entschärfen, dass man Blut auch in der Literatur durch Ersatzflüssigkeit ersetzt und Gewalt nach und nach komplett aus allem rausgestrichen wird. Auf längere Sicht würde das zwar einige nicht unwesentliche Änderungen bedeuten, aber das ist eben der Preis. Da darf man nicht zimperlich sein. Auch wenn am Ende Jesus nicht mehr ans Kreuz geschlagen werden darf und dann stattdessen lebenslänglich bekommt. Dann muss man natürlich alle Kruzifixe von den Wänden nehmen und in den Kirchen stattdessen Transparente aufhängen, auf denen FREE JESUS steht.
Damit möchte ich niemandem zu nahetreten, aber doch die Frage stellen, wo man aufhört, wenn man einmal anfängt.
Sprache ist Identität. Policital Correctness ist Neusprech. Und das führt schlussendlich dazu, dass es irgendwann keine Kriegsverbrecher mehr gibt sondern bloß noch ‚Vertreter alternativer Strategien in bewaffneten Konflikten’. Klingt gut. Ist es aber nicht. Und so prosaisch es ist, ich möchte ein Arschloch auch künftig noch Arschloch nennen können.
Die Kenntnis einzelner Worte, das Wissen um ihren Gebrauch und ihre Wahrnehmung machen das Wesen der Sprache aus. Und diese ist unabänderlich mit dem Geist verbunden. Nur was gesprochen werden kann, kann auch gedacht werden.
Und dabei geht es am Ende um mehr als Wichsen, Blut und Neger.
Unter anderem um etwas, das Kurt Tucholsky einmal geschrieben hat.
Einen Satz, der so lange Bestand haben, wie Menschen sich gegen irgendetwas zur Wehr sitzen müssen: „Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf.“

Sonntag, Oktober 03, 2010

KRIEG FÜR DIE WELT

Die Zukunft der Konfliktästhetik

Mit Bedauern sehen Staatsoberhäupter sich gegenwärtig gleichsam in weitgehend demokratischen wie auch in weniger demokratischen als auch in alles andere als demokratischen Ländern innerhalb der Bevölkerung mit wachsendem Unmut gegenüber bedingt notwendigen militärischen Konflikten konfrontiert.
Der Grund dafür ist der wachsende Anspruch des Publikums. Die Inszenierung eindrucksvoller Spektakel innerhalb des Kriegsgenres ist dieser Tage weit weniger einfach als etwa noch im 20. Jahrhundert.
Die Militär PR ist überfordert. Traditionelle Verbreitung von Unwahrheiten über angreifenswerte Staaten scheint nicht mehr auszureichen. Das beeindruckende Werbematerial, das Kinderfresser, Thronfolgermörder, Giftwaffenbesitzer, Atombombenbauer und Radiosenderüberfaller zeigt und die Notwendigkeit eines Krieges mit kleinbürgerlich moralischem Nachdruck unterstreicht, erreicht den Konsumenten nur noch bedingt.
Dieser Tage, da in einigen Regionen der Krieg so dauerhaft wie der ursprünglich versprochene Frieden ist, und man seine Truppen des positiven Effektes wegen einfach mehrmals aus Kriegsgebieten abzieht, ist das Publikum beinahe ebenso kriegsmüde wie politikverdrossen.

Wie aber lässt sich in einer Zeit sich auflösender klassischer Feindbildstrukturen, in der westliche Machthaber sich verzweifelt an kleinwüchsige koreanische Usurpatoren und nahöstliche Restweltbedroher klammern, die rückhaltlose Zustimmung der Bevölkerung für einen bewaffneten Konflikt erlangen?
Um diese Frage zu beantworten, hat die Gemeinschaft moralisch grundsätzlich und ohne Zweifel im Recht befindlicher Staaten einen internationalen Fond gebildet, aus dem hochrangige Werbefachleute, Psychologen und Designer bezahlt werden, um ein ansprechenderes Kriegsbild zu generieren.
Ziel dieser Gruppe von Koryphäen ist die Reästhetisierung des Kriegsgedankens innerhalb der Bevölkerung. Eine große Aufgabe. Verpackung und Inhalt des Produktes müssen dem 21. Jahrhundert angepasst und eine komplett neue Verkaufsstrategie entwickelt werden.
Das Produkt muss dem Endverbraucher so schmackhaft gemacht werden, dass, wenn er im Regal 250g Krieg zwischen zwei Mal 500g Frieden sieht, selbst wenn dieser etwas teurer ist, ohne nachzudenken den Krieg wählt. Dafür aber muss er nicht nur ansprechender als der Frieden wirken, sondern auch darüber hinaus attraktiv wirken. Bedeutet nämlich drei Mal JA zum Krieg eine Gratistankfüllung oder ein Wochenende in Disneyland, dann verändert sich auch die gesellschaftliche Haltung gegenüber der militärischen Intervention.
Die Arbeitsgruppe Konfliktästhetik hat allerdings auch in Erwägung gezogen, das Publikum mit der Wahrheit über anstehende Konflikte zu konfrontieren.
Slogans wie ‚Wir wollen Euer Öl‘, ‚Wir wollen euren Herrscher stürzen, um an seiner Stelle einen einzusetzen der tut was wir sagen‘ oder ‚unsere Armee kostet so viel, die müssen auch mal was tun‘ erwiesen sich jedoch als schwer verkäuflich.
Seit eh und je hüllt der gemeine Kriegsbefürworter sich gern in das wärmende Mäntelchen der Moral. Aus diesem Grund wird auch das alte Gleichnis „Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn einen Tag. Gib ihm eine Angel und du ernährst ihn sein ganzes Leben. Gib ihm ein Gewehr, und er kann sich überlegen, ob er seinem Nachbarn den Fisch oder die Angel wegnimmt.“ In der Regel um den letzten Teil gekürzt.
Auch der gezielte Gebrauch von Euphemismen wie kriegsähnlicher Zustand hielt schlussendlich nicht was er versprach. Hierdurch vom klassischen Krieg beinahe völlig entfremdet, zeigte die Öffentlichkeit sich plötzlich verwundert, dass im Rahmen solcher Konflikte tatsächlich Soldaten versterben und kriegsähnliche Zustände zu tötungsähnlichen Vorfällen führen.

Aus diesen Gründen hat sich die Arbeitsgruppe Konfliktästhetik zugunsten der Repopulasierung des militärischen Konfliktes zu einer radikalen Kehrtwende entschlossen.
Die Militärkonfliktbefürworterpsychologie des 21. Jahrhunderts entfernt sich von der klassischen Kriegstreiberpolemik. Stattdessen wendet sie sich auf höherer Ebene dem Wohl des Planeten und der gesamten Menschheit zu. Und dieses wird in Zukunft nicht mehr länger durch Niederringen eines Schurkenstaates samt dazugehörigem Chefschurken erreicht, sondern auf einer völlig entpersonalisierten Ebene. Hierdurch werden - zur Begeisterung der Auftraggeber - Gegenstand und Ziel eines Krieges vollkommen austauschbar.
Wichtig ist in diesem neuen Kontext lediglich, dass Krieg geführt wird. Zum Wohle aller und natürlich der Welt.

Was kann man sich besseres Wünschen als einen Krieg, der die Welt heilt?

Hierfür sind zunächst freilich einige sinnreiche Neuerungen vonnöten: Das generelle Verbot von Streu und Splitterbomben wird eingeschränkt und gilt fortan nicht mehr für Sprengkörper, die mit Samenkapseln und Mutterboden bestückt sind. Die auszubringenden Samen müssen der natürlichen Fauna der Kriegsregion angepasst und mit schnellwachsenden Pflanzen bestückt sein, um einen Bombenkrater innerhalb einer Woche zu einem fruchtbaren Biotop zu machen. In diesem kann dann die nachfolgende Infanterie auf ihrem Durchmarsch bedrohte Kleintiere auswildern.
Darüber hinaus wird jedem Soldat künftig im Zuge des Nahkampftrainings eine Gartenbauausbildung zuteil. In seiner Grundausrüstung wird er fortan außerdem neben Faltgießkanne und Pflanzendünger eine Heckenschere mit sich führen.
Im Vordergund steht in Zukunft weniger der kriegerische Konflikt selbst als vielmehr die nachhaltige Begrünung des dazugehörigen Schauplatzes.
Es geht um nichts weniger Kolateralschadenbegrünung.
Aufforsten statt abschlachten.
Außerdem erfolgt, während Langstreckenraketen auf Rapsöl umgestellt werden, eine Umrüstung von Kampfjets und Panzern auf Biodiesel. Desweiteren werden Fertigung und Verkauf von Waffen künftig unter Fairtrade Bedingungen in Drittweltfabriken abgewickelt, während die zuständigen Stellen eine ozonlochfreundliche Waffentechnologie entwickeln, deren Abfeuern das Klima stabilisiert.
Obwohl diese Pläne bereits umgesetzt werden, konzentriert die Arbeitsgruppe sich gegenwärtig zunächst noch darauf, festsitzende negative Kriegsassoziationen innerhalb der Bevölkerung auszumerzen.
Diese werden beispielsweise durch realistische Kriegsdarstellungen ausgelöst, wie sie sich im Zeitalter alternativer Medien bedauerlicherweise nicht verhindern lassen. Meldungen über zivile Opfer, wie sie sich bei längeren Konflikten unangenehm häufen können, verunsichern den wankelmütigen Kriegsbefürworter. Aber auch hier bieten die Konfliktästheten im Sinne des neuen Konzeptes eine Lösung: in Zukunft übernimmt der verantwortliche Soldat für jeden von ihm verursachten Tod eines Zivilisten die Patenschaft für ein vom Aussterben bedrohtes Tier.
Und beim Anblick blühender Schlachtfelder, bewaffneter Landschaftsgärtner und allerlei glücklicher einstmals fast ausgestorbener Tiere wird die Weltöffentlichkeit bald erkennen, dass die Natur sich mit jedem Krieg mehr erholt und dementsprechend zum Wohle der Menschheit mehr davon fordern.
Denn wer in eine Wüste einfällt um wenig später blühende Landschaften zu hinterlassen, dem ist der Naturschutznobelpreis beinahe gewiss.

Die Arbeitsgruppe Konfliktästhetik ist jeden Cent wert gewesen. Sie hat dem Krieg eine rosige Zukunft beschert, die den vernünftigen Bürger guten Gewissens JA sagen lässt.
Denn Bio ist besser. Rette die Wale, stoppe die Klimakatastrophe, schließe das Ozonloch, beende das Waldsterben, sag JA zum Krieg!

Und wenn es dann zum Wohle aller und der Welt am Ende heißt: KRIEG - 100% Bio, dann führt die Welt ihn gerne.
Wo auch immer.
Und dann darf es auch ruhig etwas teurer sein…

©christian von aster

Samstag, August 07, 2010

HAPPYCUT 3000

oder

wie das Universum zugunsten seiner Rettung um die Revolutionierung der Gartenarbeit betrogen wurde

George Lucas zugeeignet


Das meiste was man - insofern sich überhaupt etwas in Erfahrung bringen lässt – von dieser Geschichte zu hören bekommt, ist Jedi-Propaganda. Dementsprechend werden die wirklichen Sachverhalte der Gründung des Jedi Ordens den wenigsten Anwesenden bekannt sein.
Und auch mir selbst wären sie ohne Zweifel verborgen geblieben, hätte ich nicht auf einem olowokischen Trödelmarktplanetoiden jenes kuriose Kleinod erstanden.
Dabei handelt es sich um zwei kleine, durch ein Gelenk miteinander verbundene Zylinder, beinahe an den Griff einer Schere oder Zange erinnernd, in deren Innerem sich jeweils ein kleiner Handreaktor, und ein komplexes Gebilde aus Linsen und Prismen befindet.
Das Gerät ist nicht mehr funktionstüchtig und die Spulen des Handreaktors sind weitgehend defekt. Dennoch ist deutlich und zweifelsfrei zu erkennen, worum es sich bei diesem Gerät ursprünglich handelte: eine Lasergartenschere.
Sie ist zweifelsohne eine Art Antiquität. Mit Sicherheit mehrere hundert Jahre alt. Der Insektoide, der sie mir verkaufte, wusste über sie nicht mehr zu erzählen. In einem der Griffelemente jedoch ist - wenn auch beinahe völlig verwittert – der Name der Herstellerfirma zu erkennen: Happy Garden.
Neugierig geworden begann ich bald mit einigen Nachforschungen:
Die Firma Happy Garden war eine Tochter der Happy Planet GmbH gewesen, deren Hauptfirmensitz vor Urzeiten auf Wuttke 12 im Industriegebiet der Wagowoden Monde gelegen hatte. Laut Interstellarnet hat der Planet seit damals etwa 200 Mal den Besitzer gewechselt und ist inzwischen eine Schockfrosterei für Quallenpralinen.
Was angesprochene Lasergartenschere anging, so hatte der Happy Planet Ableger, den spärlichen Einträgen der örtlichen Industriearchive zufolge, vor ungefähr 900 Jahren mit ihrer Serienpoduktion begonnen, um diese aber keine drei Jahre später wieder einzustellen.
Die Ursache dafür war ein durch den Patentplaneten Septimus Zongh erhobener Einspruch, den dieser aufgrund eines, vom Vorsitzenden eines neu gegründeten Vereines eingereichten beglaubigten Patentantrages führte. Besagter Verein trug damals noch den wenig wohlklingenden Namen GVJGFRU, „gemeinnützige Vereinigung der Jedi für gemeinschaftliche Freizeitgestaltung und die Rettung des Universums“.
Für die meisten war der Fall klar: Happy Garden hatte versucht, sich einer fremdentwickelten Erfindung zu bemächtigen, um diese zu vermarkten und die eigene Position im Marktsegment Gartenarbeit nachhaltig zu optimieren.
Dabei war die Lasergartenschere, die inzwischen den verkaufsfördernden Namen HappyCut 3000 bekommen hatte, durchaus praktisch. Genau genommen sogar weit praktischer als das Patent des dubiosen Vereines. Denn während man mit der HappyCut problemlos die überwucherten Planetenoberflächen von Rühling VII und Borngroll III zu zivilisierten Gärten hätte machen können, war das Patent der Jedi - das übrigens den pathetischen Namen Lichtschwert bekommen hatte - kaum etwas anderes als ein leuchtender Knüppel, mit dem man anderen Leuten eins überziehen konnte.
Das Funktionsprinzip aber war das gleiche.
Und eben da lag das Patentproblem.
Dennoch weigerte der Geschäftsführer von Happy Planet sich zunächst, die Produktion einzustellen. Die Lasergartenschere war das ultimative Gerät zur intergalaktischen Gartenarbeit auf großen und kleinen Planeten, und konnte dabei nicht nur zur Moosentfernung aus den Fugen künstlicher Planeten, sondern auch zur Erhitzung von Fertiggerichten benutzt werden. Kurzum, das Gerät war der Trumpf der Firma, die sich von dem Ding mindestens ebenso viel versprach, wie sie zuvor investiert hatte.
Zumal auch Exklusivverträge mit den Betreibern der Schrebergartenkolonien im Quintasi Sektor einige Umsatz erwarten ließen.
Happy Planet ließ es also auf einen Prozess ankommen.
Im Lauf eben dieses Prozesses - dessen Unterlagen nach dem großen EMP Debakel im Archivgeschwader der föderierten Großgerichtsbarkeit nicht mehr ganz vollständig sind - fanden zahlreiche Kreuzverhöre statt, die den aufmerksamen Prozessbeobachter durchaus stutzen ließen.
Da gab es etwa die Aussage eines jungen Ex-Jedi, der den Verein aufgrund unüberbrückbarer persönlicher Differenzen verlassen und wenig später das Sith Ferienlager auf Golgoroth Neun gegründet hatte. Ihm zufolge war schon im Zuge der Gründung des Vereines darüber nachgedacht worden, mit welcher Art von Vorrichtung die Jedi jenen fragmentarisch paramilitärischen Charakter ihrer Organisation betonen konnten. Günstig zu erwerben waren zu jenem Zeitpunkt einige Dutzend großkalibriger Rotorkanonen, die nach der fehlgeschlagenen Revolution auf Delta Happa Happa dort niemand mehr brauchte. Die Tatsache, dass jede dieser Kanonen drei Munitionsträger brauchte, machte sie für die Jedi bei einer damaligen Mitgliederzahl von acht jedoch vergleichsweise unerschwinglich.
Es galt dementsprechend etwas zu finden, das sowohl den ästhetischen als auch praktischen Ansprüchen des Vereines genügte. Hierbei wäre schlussendlich ein Zusammentreffen des Vereinskassenwartes mit dem Chefentwickler der Firma Happy Garden in einer Weltraumrockerkneipe auf Bagel IV ausschlaggebend gewesen. Während eben dieses Treffens hätte der redselige Gartengeräteentwickler nach drei Gläsern virgilisischen Wurmsektes seinem Gegenüber stolz die Lasergartenprototypblaupausen präsentiert.
Bei einer kurz darauf anberaumten Jedivereinssitzzung wäre zunächst wohl tatsächlich darüber nachgedacht worden, fortan die Happygardenlasergartenschere im Gürtel zu führen. Dabei sei man jedoch zu dem Schluss gekommen, dass ein Haufen Männer mit glühenden Gartenscheren nur etwas bedingt Bedrohliches hatte, und es folglich besser wäre, die Weiterentwicklung der Erfindung in die eigene Hand zu nehmen.
Das Ergebnis wäre das, im Gegensatz zur Gartenschere in verschiedenen Farben erhältliche Lichtschwert gewesen, dessen Erwerb jedoch nur mit gültigem Jedi-Clubausweis möglich war.
Dem angeklagten gemeinnützigen Verein gelang es während des Prozesses vor allem durch grammatikalisch vollkommen verquaste Ausführungen (wie sie später von einem gewissen Meister Yoda vervollkommnet werden sollten) und einen ungewöhnlichen Zeugen, mit einem blauen Auge davonzukommen.
Es war im nachhinein offensichtlich, dass der Chefentwickler des Happy Garden Konzerns lediglich versäumt hatte, das Funktionsprinzip des Gerätes zu patentieren. Ebenso offensichtlich war, dass die Jedi es gestohlen hatten. Dennoch sollte es ihnen gelingen, einen Zeugen aufzurufen, der ihnen nachträglich eine vorträgliche Legitimation von allumspannender Bedeutung zuteil werden lassen sollte. Bei diesem Zeugen handelte es sich um den Pressesprecher des Institutes für präkognitiv prognostizierte historische Alternativen, das ehemals staatliche und nunmehr privatisierte Orakel von Pogon Alpha.
Der Mann übermittelte dem Gericht zwei zukünftige Alternativen:
1. Wenn Happy Garden den Prozess gewann, würde die Firma im Verlauf von 1000 Jahren mehrere hundert zauberhafte Gärten und Parks anlegen, unzugängliche Waldgebiete von Coruscant bis Naboo wegbar machen und dabei die Zahl der Gartenunfälle um über 700% Prozent steigern.
2. Wenn die Jedi Recht bekämen, würden diese während der nächsten 1000 Jahre hart trainieren, sich selbstständig bilden und sich annähernd ausrotten lassen, um dann zuletzt das Universum zu retten.
Vor allem zwei Aspekte dieser Vorhersage begründeten den Ausgang des Prozesses:
Rettung des Universums klang gut, und eine 700%ige Steigerung von Gartenunfällen hätte zahllose Überstunden für das Gericht bedeutet.
Auf diese Weise gelang es also den Jedi, diesen Prozess entgegen aller Indizien zu gewinnen und dadurch die Happy Planet GmbH, die voll auf das neue Produkt ihrer Tochterfirma gesetzt hatte, vollkommen zugrunde zu richten.
Was hierauf folgte, war beinahe klar:
Der Geschäftsführer von Happy Planet enthauptete sich selbst mit einer HappyCut 3000, und die Jedi begannen hart zu trainieren.

Ich betrachte diese Entwicklungen als ein Fanal der freien Marktwirtschaft, und möchte darum vor allem die drei Fakten herausstellen, die an ihrem Ende stehen:

Der erste Fakt, bis heute den wenigsten bekannt, ist, dass die Geschichte der ehrbaren Jedi - deren Gemeinnützigkeit ihnen übrigens nach einem Vereinstreffen auf dem Bordellplaneten Meretrix 5 aberkannt wurde - mit dem Ruin eines mittelständischen Gartengeräteherstellers begann.

Der zweite, beinahe ebenso wenigen Leuten bewusst, ist der, dass die größte Revolution in Sachen Gartenarbeit, die HappyCut 3000, einem Komplott zum Opfer fiel.


Einzig der letzt Fakt, darf getrost als allgemein bekannt erachtet werden:
Bis heute vermochte die Gartenschere sich als Nahkampfwaffe nicht durchzusetzen.


ENDE



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Montag, Juli 05, 2010

Die besten Plätze

DIE BESTEN PLÄTZE


Als Fritz Schmidt starb, da tat er es so, wie er auch gelebt hatte: wie die meisten anderen auch, indem er eines morgens eben einfach nicht mehr aufwachte.

Seine Seele, die sich bereits vom Körper gelöst hatte, war mit dieser Situation zunächst überfordert und bliebe noch ganze zwei Tage bei ihrem Körper, bevor sie schlussendlich gen Himmel fuhr.

Hier jedoch begegnete man ihr wenig wohlwollend, und Petrus bedeutete ihr unmissverständlich, dass sie den Rest der Ewigkeit keinesfalls in der Gesellschaft von Engeln verbringen würde

Also machte die Seele sich wenig später auf den mühsamen Weg in die Niederungen der individuell ätherischen Reststoffverwertung und fuhr, wie man landläufig sagt, zur Hölle.

Dort angekommen, verstellte der Teufel selbst ihr den Weg und machte ihr unmissverständlich klar, dass es auch hier einer gewissen Qualifikation bedurfte. Genaugenommen, war diese sogar schwerer zu erlangen, als die für die himmlischen Gefilden. Man musste schon einiges leisten, um sich der Hölle würdig zu erweisen.

Damit hatte Fritz Schmidt allerdings nicht gerechnet.

Im Himmel abgewiesen worden zu sein, war seiner Meinung nach gleichbedeutend mit dem Eintritt für die Hölle gewesen.

Zumal man ja am Ende irgendwo bleiben musste.

In diesem Moment, mit dem dem Herrn der Hölle konfrontiert, war es für die Seele Fritz Schmidts an der Zeit, herauszufinden, ob auch sie auf ewig zischen Himmel und Hölle umherirren oder aber ihren Platz in der Hölle bekommen würde.

Satan öffnete seinen Schlund und fragte mit einer Stimme, die so furchterregend durch die ewige Finsternis hallte, dass jede einzelne verdammte Seele bis ins Mark erschauertre:

„Was, Menschenseele, hast du getan, dir deinen Platz in der Hölle zu verdienen?“

Die Seele Fritz Schmidts, die sich gegenüber dem Teufel recht jämmerlich ausnahm, überlegte kurz. Dann antwortete sie wahrheitsgemäß und mit einem nicht allzu guten Gefühl:

„Nichts.“

Einen Moment lang war Schweigen.

Die Seele merkte wohl, dass der Teufel sich etwas mehr erhofft hatte. Und insgeheim bereitete er sich schon darauf vor, für immer und ewig zwischen Himmel und Hölle in Vergessenheit zu geraten, als der Teufel sich plötzlich verneigte, und ihm den Weg freimachte.

Denn jene, die nichts taten, waren von alters her das eherne Rückgrat der Hölle.

Sie füllten ihren Ränge, bestimmten das Schicksal der Welt, und waren der unverrückbare Grundstein der Macht. Wo auch immer ein einzelner wahres Übel tat, brauche jenes Übel um zu gedeihen doch noch immer ein Dutzend von denen die nichts taten.

Jene die nichts taten, waren die Schlimmsten der Schlimmen, was spätestens in dem Moment offenbar wurde, wenn man ihre nächsten abholte, erschlug oder verbrannte.

Der Teufel wusste sehr wohl, dass ohne Seelen wie diese, die Hölle leer und er selbst ein Nichts gewesen wäre. Und eben darum gebührten ihnen hier unten die besten Plätze…

Und schaudernd sah der Teufel Fritz Schmidt nach, als dieser nun seinen rechtmäßigen Platz in der Hölle einnahm...

© christian von aster

Mittwoch, Juni 02, 2010

Neuigkeiten vom Ende der Welt

NEUIGKEITEN VOM ENDE DER WELT
eine verswärtige Betrachtung der gegenwärtigen Weltlage

Es ging neulich zu später Stunde
unverwandt die Welt zugrunde.
Weil aber jeder von uns da
einfach zu beschäftigt war,
haben wir's nicht wahrgenommen,
vom Untergang nichts mitbekommen.

Doch hätt' die Welt bevor sie sank
den Antrag auf den Untergang,
hätte nun die Welt,
diesen fristgerecht gestellt
und mit dreifachem Durchschlag eingereicht,
hätten wir womöglich Interesse gezeigt.

Wir müssen nicht zittern, wir müssen nicht bangen,
denn die Welt ist längst untergegangen.

Montag, Mai 03, 2010

Wir tun, was wir können...

Christian von Aster präsentiert:
garstige Glossen für eine bessere Welt / No. XIV

WIR TUN, WAS WIR KÖNNEN
Eine Serviceglosse in Magenta


Ich bin ja noch bei der Telekom
Wenn ich es recht bedenke, könnte ich niemandem verdenken, wenn er jetzt schon lacht.
Aber ich gehöre zu einer Generation, die ihren Telefonanschluss quasi noch von ihren Eltern geerbt hat. Und die kannten damals ja noch nichts anderes.
Seitdem hat sich natürlich einiges geändert. Aber wenn man genauer hinsieht, scheint der Wechsel von einem Telefonanbieter zum anderen doch kaum mehr, als der verzweifelte Versuch, den Teufel mit dem Beelzebub auszutelefonieren.

Ich bin ja vor allem bei der Telekom geblieben, weil ich auf ihre Erfahrung setzte und davon ausging, dass es dort irgendwie besser ist.
Und tatsächlich: Kunden anderer Anbieter wird lediglich Verarsche zuteil. Die Telekom hingegen bietet Premiumverarsche.
Das aber offenbart sich erst, wenn sie mehr tun muss als Rechnungen schreiben…

Vor einem knappen Jahr plante ich einen Umzug, informierte im Vorfeld die Telekom und erteilte ihr via Internet - wo man heutzutage ja alles machen kann - einen Umzugsauftrag für meinen Anschluss. Es ist übrigens fantastisch anzusehen, von welch variantenreicher Vielzahl von potemkinschen Serviceangeboten die Homepage der Telekom strotzt. Kurz darauf erhielt ich jedenfalls eine Email-Bestätigung, die im Nachhinein nichts anderes ist als Spam, nur weniger unterhaltsam.
Dazu muss man allerdings sagen, dass der Versand einer automatisch generierten Mail anscheinend das einzige ist, was bei der Telekom reibungslos funktioniert.
Eine Woche vor meinem Umzug rief ich - der ich mich nun lange genug an besagter Mail erfreut hatte – schließlich doch mal bei der Telekom an und erfuhr, dass mein Auftrag einem Systemfehler zum Opfer gefallen wäre, man sich aber sofort kümmern würde.
Man kümmerte sich also.
Lange, eingehend, intensiv und ohne sichtbare Erfolge, weshalb ich einen Großteil meiner Tagesfreizeit auf der Telekom Serviceline verbringen und eine Reihe überaus emotionaler Gespräche führen durfte, die sich wie folgt zusammenfassen lassen:
Telekom: „Wir tun, was wir können.“
Ich: „Aber was genau können Sie denn tun?“
Telekom: „Wir können leider nichts tun.“

Nach einigen tristen Wochen, in denen ich und die Telekom uns stetig näherkamen, hatte ich zumindest meinen Festnetzanschluss wieder.
Nur das Internet gönnte man mir nicht, weshalb ich die zarten Bande, die mich mit dem Konzern verbanden, redlich pflegte. Inzwischen hatte ich mich auf einen Kompetenz simulierenden Mitartbeiter eingeschossen, der mir eines Tages am Telefon eine heitere Anekdote erzählte: Nach einem halben Jahr ungelöster Anschlussprobleme hätte er einmal eine Kundin persönlich getroffen und es wäre ein wirklich netter Abend gewesen.
Von dieser Aussicht in bedingt freudige Erregung versetzt, rechnete ich ihm einmal vor, was die innige Beziehung zu besagtem Konzern mich inzwischen gekostet hatte.
Mein Gegenüber zeigte sich verständnisvoll. Und statt mir ein persönliches Treffen bei Kerzenlicht vorzuschlagen, offerierte er mir Gutschriften. Und zwar in einem derart beeindruckenden Ausmaß, dass es mich für den Moment ebenso befriedete wie ein Lolli, den man einem schreienden Kind in den Rachen rammt.

Nach einem dreiviertel Jahr, insgesamt 18 Anrufen und sechs verschiedenen Mitarbeitern der Telekom Serviceline, komme ich zu dem Schluss, dass der Konzern womöglich unter Amnesie leidet. Er könnte allerdings auch darauf setzen, dass Kunden zugunsten freundlicher Gespräche vergessen, was ihnen am Telefon zugesichert wurde oder aber versterben, bevor ihre Gutschriften fällig werden. Wobei es natürlich auch möglich ist, dass die Telekom ihre Gutschriftenpolitik langfristig angelegt hat, und all die vollmundig versprochenen Vergünstigungen schlussendlich meinen Enkeln zuteil werden.

Ich habe jedoch auch noch eine weitere interessante Theorie entwickelt: Nämlich, dass der Konzern unter der Hand eine Singlebörse betreibt.
Singles aus ganz Deutschland zahlen dafür, dass sie in Telekom-Callcentern arbeiten dürfen, wo sie täglich Kontakt mit mehreren hundert unzufriedenen Kunden haben, die sie am Telefon eingehend kennenlernen können, um sich dann gegebenenfalls mit ihnen zu treffen und schlussendlich zu heiraten.
Erst wenn man all diese Dinge genau bedenkt, vermag man zu sagen, was die Deutsche Telekom tatsächlich ist:
Ein Konzern, der Rechnungen schreibt, neben einer geheimen Partnervermittlung einige potemkinsche Callcenter betreibt, darüber hinaus bedingt funktionale Telefonanschlüsse vermietet und einem zuletzt noch eine ganze Menge Ärger bereiten kann, für den er sich fürstlich bezahlen lässt.

Oder um es mit einem der aktuellen Slogans der Telekom zu sagen:

Bewährte Qualität aus einer Hand.

Merken Sie sich diese Hand.
Denn Sie wird Ihnen redlich in die Tasche greifen.
Und sobald Sie ein Problem haben, wird sie Sie ohrfeigen bis wissen was Magenta ist...*


*zugunsten der telekom muss der autor anmerken, dass sie sich nach erhalt dieses textes darauf besann, ihn nicht nur für außerordentlich unterhaltsam zu erachten, sondern dem autor auch eine reale gutschrift in dreistelliger höhe zuteil werden zu lassen





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Samstag, Januar 30, 2010

Für die Statistik

FÜR DIE STATISTIK

oder darf es noch ein bisschen mehr sein?


Jugendgewalt ist heutzutage ja ein Thema. Das erfuhr ich jedenfalls, als ich kürzlich im Berliner Institut für Gewaltprä-, inter- und subvention an einer gesellschatlich relevanten statistischen Erhebung zu diesem Thema mitwirken durfte.

Für meine Teilnahme wurde mir eine Vergütung von 30,00 € in Aussicht gestellt, und man versicherte mir, dass besagter Test in keinem Fall länger als eine halb Stunde dauern würde.

Ich füllte zunächst einen anonymen Fragebogen aus, dann folgte ein kurzes Aufklärungsgespräch über Sinn und Zweck des Testes: Da nämlich Gewalt heutzutage viele Gesichter hätte wäre es schwer, sie zu kategorisieren und wissenschaftlich auszuwerten. Da das jedoch vonnöten wäre, hätte man also diesen Test entworfen, der weltweit von zertifizierten Instituten durchgeführt wurde. Die ersten zehn Minuten meiner halben Stunde verbrachte ich damit, dieser Rede zu lauschen und Formulare auszufüllen.

Blutgruppe, Allergien, ethnische Abstammung. Das Übliche. Darüber hinaus Fragen nach Unfallversicherung, Krankenkasse und Sportverletzungen. Ich habe das Kleindgedruckte überflogen, dann meine Unterschrift druntergesetzt (für Geld muss man immer irgendwo unterschreiben), und zuletzt folgte eine kurze ärztliche Untersuchung, die ebenfalls fünf Minuten in Anspruch nahm, womit die ersten 15 € schon verdient waren.

Der untersuchende Arzt führte mich schließlich in einen weißgekachelten Raum, fixierte mich, verband mir die Augen und ging. Ich fühlte mich nicht wirklich wohl, aber lange konnte der Spaß ja nicht mehr dauern. Schließlich war die Hälfte der Zeit schon vorüber.

Pllötzlich ertönte ein Geräusch ähnlich dem Schließsignal einer U-bahn, und dann begann die schlimmste Viertelstunde meines Lebens:

Der erste Schlag traf mich in der Lendengegend, gefolgt von einem beherzten Schienbeintritt, der in ein mittelschweres Faustschlagstakkato in Magengrubenregion überging. Das Ganze dauerte etwa zwei Minuten. Dann erklang ein zweites Signal und die Schläge verstummten. Ich vernahm ein leises knisterndes Rauschen und aus einem Lautsprecher drang die Stimme des Arztes, der mich bat, meine Eindrücke bezüglich der Qualität gerade der empfundenen Gewalt zu schildern und auf einer Skala zwischen 1 und 10 einordnen. Ich antwortete ihm, er bedankte sich und dann ertönte ein weiteres Signal.

Drei Ohrfeigen in schneller Folge, ein Tritt zwischen die Beine, dazwischen angespuckt, außerdem gebissen und gekratzt. Das nächste Signal. Frage nach meinen Eindrücken, Antwort meinerseits.

In Gedanken stellte ich mir die Frage, was ich eigentlich gerade unterschrieben hatte. Ich kam jedoch nicht dazu, meine Phantasie spielen zu lassen, da schon das nächste Signal ertönte. Dieses mal ging es gleich ins Gesicht. Eine Faust-Nase, Faust-Kinn, Faust-Auge Kombination, drei beeindruckende oberkörperorientierte Kickboxmoves, zwei Knie im Bauch, dann das Signal.

Die übliche Frage, meine wahrheitsgemäße Antwort.

Danach folgte die Baseballschlägerrunde. Gleich darauf noch eine schlägerlose mit mehreren Teilnehmern und zuletzt eine Stockattacke mit weniger harten Schlägen.

Dazwischen wurden immer wieder meine persönlichen Eindrücke abgefragt, und dann war der Test endlich vorüber.

Mit allem drum und dran hatte er exakt eine halbe Stunde gedauert.

Der Arzt nahm mir die Augenbinde ab, ich wurde losgeschnallt und in einem Nebenraum drei Stunden lang medizinisch versorgt. Ich bekam eine provisorische Schiene für mein geprelltes Bein, eine Kompresse für mein geschwollenes Auge und ein paar Heftpflaster für verschiedene Platz- und Schürfwunden.

Am Ende trat der Arzt an mein Bett, um mit mir über die Ergebnisse meines Tests zu sprechen: Innerhalb des Gewaltschlüssel aus randalierenden Grundschülern (3.Klasse), einer ethnisch durchmischten Mädchengang (14-17 Jahre), betrunkenen Ausländern (2,3 Promille), Skinheads (ebenfalls 2,3 Promille), einer Gruppe Hooligans (Lok Leipzig und Bfc Dynamo) und zwei wütenden Rentnern (76 und 83 Jahre), hätte ich erwartungsgemäß Skinheads und Ausländer mit 9 von 10 Punkten auf den ersten Platz gewählt und die aggressiven Rentner mit 2 Punkten am angenehmsten gefunden.

Damit entspräche mein Ergebnis dem üblichen internationalen Standard.

Er bedankte sich, drückte mir einen Umschlag mit 30 € in die Hand und fragte noch, ob ich vielleicht Interesse hätte, an der erweiterten Testvariante mitzuwirken. Springmesser bei den Grundschülern und Gaspistolen bei den Hooligans. Aber dafür gäbe es dann auch 50 €.

Ich lehnte dankend ab.

Wenig später verließ ich humpelnd das Krankenzimmer, und wollte mir, bevor ich ging, noch einen Kaffee gönnen. Die Cafeteria war schnell gefunden. Und dort saß ein halbes Dutzend Grundschüler, die ihre Kinderriegel aßen, sieben halbwüchsige Mädchen, die sich ihre Nägel feilten und zwanzig Hooligans, die selbst am Tisch noch rauften. Außerdem zwei ältere Herrschaften, die ihre Gehstöcke polierten und zuletzt je ein Dutzend Skinheads und Türken, die bemüht waren, ihren Promillepegel zu halten.

Ich unterhielt mich noch ein bisschen und erfuhr ganz nebenbei das einzige, das mich an dieser Sache wirklich sauer machte: Die bekamen für den Tag jeder 150 €!

Kurz darauf ertönte zwei Räume weiter ein Signal, die Grundschüler sprangen auf um ihrer Arbeit nachzugehen und ich humpelte heim, um meine sauer verdienten 30 € zu verprassen ...


Wenn sie also das Bedürfnis haben, sich mal für die Statistik vermöbeln zu lassen, empfehle ich ihnen das deutsche Institut für Gewaltprä-, inter- und subvention. Sollten sie Grundschüler, Rentner, Gangmitglied, Skinhead, Hooligan oder ein gewaltbereiter Ausländer sein, dann könnte sich das sogar lohnen...




Dienstag, Oktober 13, 2009

ein neues Kapitel in großen Buch gepflegter Unverschämtheit


NEULICH IM SPEISEWAGEN


Ich fahre regelmäßig Bahn und bin dementsprechend traumatisiert.
Denn auf jeder Fahrt werden neuerliche Abgründe offenbar. Heute beispielsweise habe ich feststellen dürfen, dass ich für meine ursprünglich 50 Euro teure Fahrkarte im Stornierungsfall mit Glück mal gerade 10 Euro zurückbekäme. Mir würden also – wenn ich beispielsweise spontan mal Lust haben sollte mir ein Bein oder so etwas zu brechen - bei der Bahn erhebliche finanzielle Nachteile daraus erwachsen.
Ergo fühle ich mich in meiner persönlichen Freiheit ein wenig eingeschränkt und werde in nächster Zeit wahrscheinlich zunächst einmal Abstand davon nehmen, mir ein Bein zu brechen. Besonders nicht wenn ich einen Fahrschein besitze.
Zu meinem finanziellen Nachteil gereichen aber auch ohnedies schon die Preise im Speisewagen, dieser unwirklichen Zwischenwelt, wo die Inflation immer 20 Jahre weiter als im Rest der Welt vorangeschritten ist. Es ist vielleicht drei Zugfahrten her, da bestellte ich in dieser Twilightzone tatsächlich einmal etwas dass mich zufrieden stimmte: einen Thunfischsalat. Sicher, er war durchaus mit dem bahnimanenten Stigma des Wuchers besetzt, aber dabei lecker und üppig. Auf der nächsten Fahrt dann hatte das Produkt zwar nicht an besagtem Stigma, wohl aber an Geschmack und Üppigkeit eingebüßt. Mein verwirrter Blick fand vielleicht die Hälfte des ursprünglich dargereichten Tieres zwischen den Salatblättern. Zunächst fragte ich mich freilich, ob es denn hier keine Richtlinien, Portionierungsvorrichtungen oder etwas derartiges gäbe, da es sich ja hier letztenendes doch um keine geringere als die deutsche Bahn handelte.
Mit leichtem Missmut verzehrte ich kurz darauf Thunfisch und Salat und dachte dabei damals schon: Vielleicht darf der freundliche Bahnbedienstete (oder in diesem Fall zumindest der Bahnbedienstete) am Ende seines Arbeitstages die Reste mit nachhause nehmen. Und vielleicht hat er ja vier Kinder die er durchbringen muss und spart darum hier ein wenig Thunfisch, da ein wenig Butter und dort ein altes Brötchen. Kann ja sein.
Dennoch hegte ich die leise Hoffnung, dass die Familie des nächsten Kellners kleiner und der nächste Salat wieder größer wäre.
Aber weit gefehlt. Die Bahn nämlich fährt ihre Kurse konsequent: in gleichem Maß wie Serviceangebot und Haltestellen schrumpft hier auch der Thunfischsalat. Genaugenommen hatte ich beim Anblick des letzten Tellers das Gefühl, als ob Thunfisch hier allenfalls in homöopathischen Dosen verabreicht wurde. In diesem Falle war das karge bisschen Fisch jedoch von einer versierten Fachkraft durch einige taktisch angerichtete Gurkenscheiben so verborgen worden, dass diese den unbedarften Betrachter durchaus hätten vermuten lassen können, dass sich darunter noch ein gewisses Maß an Fisch befände. Misstrauisch lüpfte ich die Gurkenscheiben... um daraufhin verstört in die trostlose Leere des Blattsalates zu starren.
Als der Kellner mich unvorsichtigerweise noch einmal passierte, wollte ich ihm eine Chance geben: Ich sprang auf, musterte ihn scharf und fragte ihn in ernstem Ton:
„Haben Sie Kinder?“
Sein Verneinen machte meine erste Theorie zunichte. Was aber konnte dann der Grund für diesen bizarren fortschreitenden Schwund sein?
Fortgeschrittene Fischverdunstung?
Oder ein Streik des Thunfischs an sich?
Und obwohl die Bahn wieder einmal plant, ihre Preise zu erhöhen, schloss ich schnöde Profitsucht als Ursache noch immer aus.
Ich atmete also meinen Thunfisch ein und fragte mich dabei doch, wofür eine homöopathische Thunfischtherapie wohl taugen mochte. Aber vielleicht gibt es dort draußen ja so etwas wie Thunfischschnupfen, eine Krankheit, die ich fortan nicht mehr bekommen würde. So oder so bin ich gespannt auf meine nächste Bahnfahrt. Ohne Zweifel wird die salatimanente Fischdosis weiter reduziert werden, die Delphine sind sicherer als je zuvor und auf der Speisekarte wird Thunfischsalat gestrichen und durch einen „Salat mit Thunfischduft“ ersetzt worden sein.

VON DER BESONDEREN BEDEUTUNG DER MEINUNGSFREIHEIT IN KRISENZEITEN

ZWISCHEN NEUSPRECH UND NIXDENK



Die Wirtschaftskrise hält uns in unerbittlichem Würgegriff.
Und noch hat leider keiner eine Möglichkeit gefunden, das Ganze den Terroristen in die Schuhe zu schieben.
Aber selbst ohne Al Qaida ist das Thema so populär, dass jeder dazu eine Meinung hat irgendwie.
Sogar ich.
Ich ahne beispielsweise, wer, wenn irgend jemand Konjunkturpakete schnürt, am Ende das Porto zahlen wird.
Außerdem bin ich der Meinung, dass man jemandem seinen Gürtel nicht wegnehmen sollte, wenn man möchte, dass er ihn enger schnallt.
Aber besagte Krise ist ja nicht unser einziges Problem. Es gibt so vieles, zu dem man gegenwärtig eine Meinung haben kann.
Zum Beispiel der Terror, der durch die hochinfektiöse Paranoidose Schäublensis Deutschland nach und nach zu einem einzigen Terrortrainingscamp mutieren lässt.
Aber man warnt uns zurecht: Als nächstes wollen diese Teroristen nämlich das Weiße Haus sprengen, haben die Amerikaner herausgefunden.
Natürlich wollen sie das. Und aus Blei Gold machen wollen sie auch.
Und damit ist beim besten Willen nicht zu spaßen...
Obwohl die Terrormischpoke es ja auch nur noch auf die Titelblätter schafft, wenn mal wieder ein Bin Laden Double einen Bartstrip einstudiert hat.
Aber Allah sei Dank, kann man ja nicht nur Terroristen überwachen:
Gleich nach denen kommen nämlich Angestellte.
Die großangelegten Überwachungsskandale sind allerdings auch schon wieder vergessen. Lidl legte mit Hilfe der Bildzeitung eine kleine Canossa-Bildstrecke zurück, und Telekom und Bahn Skandale sind bereits in aller Vergessen geraten, wobei ihr Nachbeben jeodch zumindest noch den König der Schaffner, den Schienensauron Mehdorn vom Bahnsitz gefegt hat.
Nichtsdestotrotz hat besagter Minister Schäuble, dessen schützende Hand damoklesschwertgleich allzeit über unseren Häuptern hängt, im Zuge dieser bedauerlichen Einzelfälle eine Sondersitzung einberufen. Deren zentrales Ergebnis war die Feststellung, dass Gesetze zum Schutz der Arbeitnehmer so schnell nicht zu schaffen sein werden.
Eine Information,welche die Titelblätter nur knapp verfehlte.
Vor allem weil sie harte Konkurrenz in der Welt der bedeutsamen Informationen hat.
Und das hat wieder etwas mit Meinungsfreiheit zu tun.
Wobei der Gedanke der Arbeitnehmerüberwachung natürlich vollkommen richtig ist. Überwachung schafft Sicherheit. Die Damen bei Lidl könnten schließlich nicht nur Pfandbons stehlen, sondern die Erlöse derselben auch auf Al Qaida Konten überweisen.
Gottseidank verhindert das jemand.
Ja, ob Sie es glauben oder nicht, ich bin für Mitarbeiterüberwachungsstandards.
Vor allem da ja Minister Schäuble im Sinne der Demokratie ja quasi mein Angestellter ist.
In diesem Zusammenhang wäre es sicher ratsam, mal seinen Hausmüll zu durchsuchen, seine Mails zu lesen, ein wenig sein Telefon abzuhören und zu schauen was er mit seinen Pfandbons anstellt.
Nur dass er nicht am Ende etwas tut, dass dem Unternehmen Deutschland schadet...
Die meisten Leute bewegen jedoch andere Sachen.
Obwohl ein Michael Jackson Comeback mir persönlich eines der unglaubwürdigsten Ablenkungsmannöver überhaupt scheint...
Doch auch hier sein noch einmal auf die Bedeutung der Meinungsfreiheit hingewiesen.
Zu allem kann man schließlich eine Meinung haben.
Wobei der gute George Bernard Shaw schon ganz treffend bemerkte: „Geben Sie sich niemals mit einer einzige Meinung zufrieden.“. Und tatsächlich empfinde ich eine Mehrfachmeinung ungleich sinniger als gar keine.
Obwohl so viel Meinung dann doch schon wieder etwas bisschen viel ist. Aus diesem Grund wäre doch einfach mal eine kleine Internetzensur angebracht. Und weil man aber das Terrorlabel nicht überall draufkleben kann, jagt man hier eine andere Sau durchs schaudernde Dorf. Und das Kettenrasseln des kinderpornogaphischen Schreckgespenstes ist so markerschütternd, dass kaum einer wagt, darüber nachzudenken, was Internetzensur eigentlich bedeutet.
In Australien ist etwa kürzlich eine Liste von Seiten an die Öffentlichkeit gelangt, die die Regierung dort zu zensieren gedenkt. Erstaunlicherweise hat ein großer Prozentsatz derselben nicht einmal entfernt etwas mit Kinderpornographie zu tun.
Aber das ist sicher nur ein Zufall.
Schließlich wollen doch alle nur die Welt zu einem besseren Ort machen.
Dafür haben die Amerikaner sogar ihren Präsidenten schwarz angemalt.
Die Welt ist in Bewegung.
Und Deutschland genießt seine Meinungsfreiheit und vegetiert zwischen Abwrackprämie und Komasaufen.
Für den Erhalt dieser Meinungsfreiheit tun sogar die Mächtigen unserer zeit was sie können:
Bildung schrumpfen, Ängste schüren und den Inhalt von Massenmedien pervertieren.
Und das mit Erfolg: vielerorts macht man sich durch die Verwendung grammatikalisch korrekter Sätze schon verdächtig. Woanders sind selbst die Arbeitslosen so verängstigt, dass sie fürchten ihren Job zu verlieren und zuletzt wäre die Umschreibung des gängigen Fernsehprogramms als Sondermülldeponie eine unrealistische Schönwerbung.
All das Bemühen um meinungsfreiheit trägt prächtige Früchte, wie man kürzlich auch an der einer Aussage von Dayana Mendoza, ihres Zeichens Miss Universum, sehen konnte. Gemeinsam mit einer Kollegin hatte diese das Gefangenenlager Guantanamo besucht und schrieb darüber in ihrem Blog: „Guantanamo ist ja sooo lustig“.
Dank der investigativen Arbeit der schönsten Frau der Welt erfahren wir:
Die Welt hat Guantanamo verkannt.
Denn in Wirklichkeit ist das Lager eine riesige Hüpfburg und zu jeder vollen Stunde erscheint Buffy der Clown..
Es geht doch nichts über eine geschulte differenzierte Wahrnehmung.
Und eben diese lässt sich lernen: Lasst uns Bildung und Information entsagen, Angst haben und fernsehen. Und bald sind wir die besten Bürger, die ein Staat sich wünschen kann:
allesamt 100% meinungsfrei.

© christian von aster - www.vonaster.de