Freitag, Januar 18, 2013

AUSGEWICHST

 

AUSGEWICHST

wo Schuhpflege, Pigmente und Neusprech zusammenkommen


Ausgewichst. Das hat zumindest der Thienemann  Verlag beschlossen. Und zwar im Zuge der sprachlichen Bereinigung von Kinderbuchklassikern wie ‚die kleine Hexe’ und ‚Räuber Hotzenplotz’ mit dem Ziel, diese dem schwindenden Wortschatz  der Gegenwart anzupassen.
Während der Terminus ‚wichsen’ früher die höchst löbliche Pflege des Schuhwerks von Hand und die körperliche Zurechtweisung von Kindern bezeichnete, ist der Begriff dieser Tage so nicht mehr gebräuchlich, weshalb der Verlag, dem Verständnis junger Leser zuliebe, beschlossen hat, das fragliche Wort zu tilgen.
Dafür kann man Verständnis aufbringen.
Doch in vorauseilendem Gehorsam gedenkt Thienemann  dem Gesetz der Political Correctness  folgend an der kleinen Hexe noch einiges mehr zu ändern. Kinder, die sich darin bis dato als Neger verkleiden, werden das künftig nicht mehr tun. Auch Türken und Chinesen stehen laut Verlag in diesem Kontext künftig nicht mehr zur Disposition.
Das allerdings ist nicht weiter verwunderlich, sollte doch auch Huckleberry Finn bereits um politisch inkorrekte Terminologie zur Bezeichnung von anders pigmentierten Mitmenschen bereinigt werden. Und auch das wäre gewiss ein löblicher Ansatz, wenn es dabei nicht gerade um ein Buch ginge, das Ende des 19. Jahrhunderts verfasst wurde und unter anderem Sklaverei zum Thema hat.
Aber auch das ist vermutlich nur konsequent, tut man in den Verlagen doch sicher nicht falsch daran,  vom Fehlen mündiger Konsumenten auszugehen. Von Eltern die in der Lage sind, ihren Kindern  Worte zu erklären und Lesern, die wissen und reflektieren können, dass ein Buch immer auch ein Produkt seiner Zeit ist.
Im Dienst der Political Correctness ließe sich aber noch weit mehr tun. Und da es um eine bessere Welt geht, sollte man da keine unnötige Zurückhaltung walten lassen. Problematische Gewaltdarstellungen ließen sich beispielsweise dadurch entschärfen, dass man Blut auch in der Literatur durch Ersatzflüssigkeit ersetzt und Gewalt nach und nach komplett aus allem rausgestrichen wird. Auf längere Sicht würde das zwar einige nicht unwesentliche Änderungen bedeuten, aber das ist eben der Preis. Da darf man nicht zimperlich sein. Auch wenn am Ende Jesus nicht mehr ans Kreuz geschlagen werden darf und dann stattdessen lebenslänglich bekommt. Dann muss man natürlich alle Kruzifixe von den Wänden nehmen und in den Kirchen stattdessen Transparente aufhängen, auf denen FREE JESUS steht.
Damit möchte ich niemandem zu nahetreten, aber doch die Frage stellen, wo man aufhört, wenn man einmal anfängt.
Sprache ist Identität. Policital Correctness ist Neusprech. Und das führt schlussendlich dazu, dass es irgendwann keine Kriegsverbrecher mehr gibt sondern bloß noch ‚Vertreter alternativer Strategien in bewaffneten Konflikten’. Klingt gut. Ist es aber nicht. Und so prosaisch es ist, ich möchte ein Arschloch auch künftig noch Arschloch nennen können.
Die Kenntnis einzelner Worte, das Wissen um ihren Gebrauch und ihre Wahrnehmung machen das Wesen der Sprache aus. Und diese ist unabänderlich mit dem Geist verbunden. Nur was gesprochen werden kann, kann auch gedacht werden.
Und dabei geht es am Ende um mehr als Wichsen, Blut und Neger.
Unter anderem um etwas, das Kurt Tucholsky einmal geschrieben hat.
Einen Satz, der so lange Bestand haben, wie Menschen sich gegen irgendetwas zur Wehr sitzen müssen: „Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf.“

Sonntag, Oktober 03, 2010

KRIEG FÜR DIE WELT

Die Zukunft der Konfliktästhetik

Mit Bedauern sehen Staatsoberhäupter sich gegenwärtig gleichsam in weitgehend demokratischen wie auch in weniger demokratischen als auch in alles andere als demokratischen Ländern innerhalb der Bevölkerung mit wachsendem Unmut gegenüber bedingt notwendigen militärischen Konflikten konfrontiert.
Der Grund dafür ist der wachsende Anspruch des Publikums. Die Inszenierung eindrucksvoller Spektakel innerhalb des Kriegsgenres ist dieser Tage weit weniger einfach als etwa noch im 20. Jahrhundert.
Die Militär PR ist überfordert. Traditionelle Verbreitung von Unwahrheiten über angreifenswerte Staaten scheint nicht mehr auszureichen. Das beeindruckende Werbematerial, das Kinderfresser, Thronfolgermörder, Giftwaffenbesitzer, Atombombenbauer und Radiosenderüberfaller zeigt und die Notwendigkeit eines Krieges mit kleinbürgerlich moralischem Nachdruck unterstreicht, erreicht den Konsumenten nur noch bedingt.
Dieser Tage, da in einigen Regionen der Krieg so dauerhaft wie der ursprünglich versprochene Frieden ist, und man seine Truppen des positiven Effektes wegen einfach mehrmals aus Kriegsgebieten abzieht, ist das Publikum beinahe ebenso kriegsmüde wie politikverdrossen.

Wie aber lässt sich in einer Zeit sich auflösender klassischer Feindbildstrukturen, in der westliche Machthaber sich verzweifelt an kleinwüchsige koreanische Usurpatoren und nahöstliche Restweltbedroher klammern, die rückhaltlose Zustimmung der Bevölkerung für einen bewaffneten Konflikt erlangen?
Um diese Frage zu beantworten, hat die Gemeinschaft moralisch grundsätzlich und ohne Zweifel im Recht befindlicher Staaten einen internationalen Fond gebildet, aus dem hochrangige Werbefachleute, Psychologen und Designer bezahlt werden, um ein ansprechenderes Kriegsbild zu generieren.
Ziel dieser Gruppe von Koryphäen ist die Reästhetisierung des Kriegsgedankens innerhalb der Bevölkerung. Eine große Aufgabe. Verpackung und Inhalt des Produktes müssen dem 21. Jahrhundert angepasst und eine komplett neue Verkaufsstrategie entwickelt werden.
Das Produkt muss dem Endverbraucher so schmackhaft gemacht werden, dass, wenn er im Regal 250g Krieg zwischen zwei Mal 500g Frieden sieht, selbst wenn dieser etwas teurer ist, ohne nachzudenken den Krieg wählt. Dafür aber muss er nicht nur ansprechender als der Frieden wirken, sondern auch darüber hinaus attraktiv wirken. Bedeutet nämlich drei Mal JA zum Krieg eine Gratistankfüllung oder ein Wochenende in Disneyland, dann verändert sich auch die gesellschaftliche Haltung gegenüber der militärischen Intervention.
Die Arbeitsgruppe Konfliktästhetik hat allerdings auch in Erwägung gezogen, das Publikum mit der Wahrheit über anstehende Konflikte zu konfrontieren.
Slogans wie ‚Wir wollen Euer Öl‘, ‚Wir wollen euren Herrscher stürzen, um an seiner Stelle einen einzusetzen der tut was wir sagen‘ oder ‚unsere Armee kostet so viel, die müssen auch mal was tun‘ erwiesen sich jedoch als schwer verkäuflich.
Seit eh und je hüllt der gemeine Kriegsbefürworter sich gern in das wärmende Mäntelchen der Moral. Aus diesem Grund wird auch das alte Gleichnis „Gib einem Mann einen Fisch und du ernährst ihn einen Tag. Gib ihm eine Angel und du ernährst ihn sein ganzes Leben. Gib ihm ein Gewehr, und er kann sich überlegen, ob er seinem Nachbarn den Fisch oder die Angel wegnimmt.“ In der Regel um den letzten Teil gekürzt.
Auch der gezielte Gebrauch von Euphemismen wie kriegsähnlicher Zustand hielt schlussendlich nicht was er versprach. Hierdurch vom klassischen Krieg beinahe völlig entfremdet, zeigte die Öffentlichkeit sich plötzlich verwundert, dass im Rahmen solcher Konflikte tatsächlich Soldaten versterben und kriegsähnliche Zustände zu tötungsähnlichen Vorfällen führen.

Aus diesen Gründen hat sich die Arbeitsgruppe Konfliktästhetik zugunsten der Repopulasierung des militärischen Konfliktes zu einer radikalen Kehrtwende entschlossen.
Die Militärkonfliktbefürworterpsychologie des 21. Jahrhunderts entfernt sich von der klassischen Kriegstreiberpolemik. Stattdessen wendet sie sich auf höherer Ebene dem Wohl des Planeten und der gesamten Menschheit zu. Und dieses wird in Zukunft nicht mehr länger durch Niederringen eines Schurkenstaates samt dazugehörigem Chefschurken erreicht, sondern auf einer völlig entpersonalisierten Ebene. Hierdurch werden - zur Begeisterung der Auftraggeber - Gegenstand und Ziel eines Krieges vollkommen austauschbar.
Wichtig ist in diesem neuen Kontext lediglich, dass Krieg geführt wird. Zum Wohle aller und natürlich der Welt.

Was kann man sich besseres Wünschen als einen Krieg, der die Welt heilt?

Hierfür sind zunächst freilich einige sinnreiche Neuerungen vonnöten: Das generelle Verbot von Streu und Splitterbomben wird eingeschränkt und gilt fortan nicht mehr für Sprengkörper, die mit Samenkapseln und Mutterboden bestückt sind. Die auszubringenden Samen müssen der natürlichen Fauna der Kriegsregion angepasst und mit schnellwachsenden Pflanzen bestückt sein, um einen Bombenkrater innerhalb einer Woche zu einem fruchtbaren Biotop zu machen. In diesem kann dann die nachfolgende Infanterie auf ihrem Durchmarsch bedrohte Kleintiere auswildern.
Darüber hinaus wird jedem Soldat künftig im Zuge des Nahkampftrainings eine Gartenbauausbildung zuteil. In seiner Grundausrüstung wird er fortan außerdem neben Faltgießkanne und Pflanzendünger eine Heckenschere mit sich führen.
Im Vordergund steht in Zukunft weniger der kriegerische Konflikt selbst als vielmehr die nachhaltige Begrünung des dazugehörigen Schauplatzes.
Es geht um nichts weniger Kolateralschadenbegrünung.
Aufforsten statt abschlachten.
Außerdem erfolgt, während Langstreckenraketen auf Rapsöl umgestellt werden, eine Umrüstung von Kampfjets und Panzern auf Biodiesel. Desweiteren werden Fertigung und Verkauf von Waffen künftig unter Fairtrade Bedingungen in Drittweltfabriken abgewickelt, während die zuständigen Stellen eine ozonlochfreundliche Waffentechnologie entwickeln, deren Abfeuern das Klima stabilisiert.
Obwohl diese Pläne bereits umgesetzt werden, konzentriert die Arbeitsgruppe sich gegenwärtig zunächst noch darauf, festsitzende negative Kriegsassoziationen innerhalb der Bevölkerung auszumerzen.
Diese werden beispielsweise durch realistische Kriegsdarstellungen ausgelöst, wie sie sich im Zeitalter alternativer Medien bedauerlicherweise nicht verhindern lassen. Meldungen über zivile Opfer, wie sie sich bei längeren Konflikten unangenehm häufen können, verunsichern den wankelmütigen Kriegsbefürworter. Aber auch hier bieten die Konfliktästheten im Sinne des neuen Konzeptes eine Lösung: in Zukunft übernimmt der verantwortliche Soldat für jeden von ihm verursachten Tod eines Zivilisten die Patenschaft für ein vom Aussterben bedrohtes Tier.
Und beim Anblick blühender Schlachtfelder, bewaffneter Landschaftsgärtner und allerlei glücklicher einstmals fast ausgestorbener Tiere wird die Weltöffentlichkeit bald erkennen, dass die Natur sich mit jedem Krieg mehr erholt und dementsprechend zum Wohle der Menschheit mehr davon fordern.
Denn wer in eine Wüste einfällt um wenig später blühende Landschaften zu hinterlassen, dem ist der Naturschutznobelpreis beinahe gewiss.

Die Arbeitsgruppe Konfliktästhetik ist jeden Cent wert gewesen. Sie hat dem Krieg eine rosige Zukunft beschert, die den vernünftigen Bürger guten Gewissens JA sagen lässt.
Denn Bio ist besser. Rette die Wale, stoppe die Klimakatastrophe, schließe das Ozonloch, beende das Waldsterben, sag JA zum Krieg!

Und wenn es dann zum Wohle aller und der Welt am Ende heißt: KRIEG - 100% Bio, dann führt die Welt ihn gerne.
Wo auch immer.
Und dann darf es auch ruhig etwas teurer sein…

©christian von aster

Samstag, August 07, 2010

HAPPYCUT 3000

oder

wie das Universum zugunsten seiner Rettung um die Revolutionierung der Gartenarbeit betrogen wurde

George Lucas zugeeignet


Das meiste was man - insofern sich überhaupt etwas in Erfahrung bringen lässt – von dieser Geschichte zu hören bekommt, ist Jedi-Propaganda. Dementsprechend werden die wirklichen Sachverhalte der Gründung des Jedi Ordens den wenigsten Anwesenden bekannt sein.
Und auch mir selbst wären sie ohne Zweifel verborgen geblieben, hätte ich nicht auf einem olowokischen Trödelmarktplanetoiden jenes kuriose Kleinod erstanden.
Dabei handelt es sich um zwei kleine, durch ein Gelenk miteinander verbundene Zylinder, beinahe an den Griff einer Schere oder Zange erinnernd, in deren Innerem sich jeweils ein kleiner Handreaktor, und ein komplexes Gebilde aus Linsen und Prismen befindet.
Das Gerät ist nicht mehr funktionstüchtig und die Spulen des Handreaktors sind weitgehend defekt. Dennoch ist deutlich und zweifelsfrei zu erkennen, worum es sich bei diesem Gerät ursprünglich handelte: eine Lasergartenschere.
Sie ist zweifelsohne eine Art Antiquität. Mit Sicherheit mehrere hundert Jahre alt. Der Insektoide, der sie mir verkaufte, wusste über sie nicht mehr zu erzählen. In einem der Griffelemente jedoch ist - wenn auch beinahe völlig verwittert – der Name der Herstellerfirma zu erkennen: Happy Garden.
Neugierig geworden begann ich bald mit einigen Nachforschungen:
Die Firma Happy Garden war eine Tochter der Happy Planet GmbH gewesen, deren Hauptfirmensitz vor Urzeiten auf Wuttke 12 im Industriegebiet der Wagowoden Monde gelegen hatte. Laut Interstellarnet hat der Planet seit damals etwa 200 Mal den Besitzer gewechselt und ist inzwischen eine Schockfrosterei für Quallenpralinen.
Was angesprochene Lasergartenschere anging, so hatte der Happy Planet Ableger, den spärlichen Einträgen der örtlichen Industriearchive zufolge, vor ungefähr 900 Jahren mit ihrer Serienpoduktion begonnen, um diese aber keine drei Jahre später wieder einzustellen.
Die Ursache dafür war ein durch den Patentplaneten Septimus Zongh erhobener Einspruch, den dieser aufgrund eines, vom Vorsitzenden eines neu gegründeten Vereines eingereichten beglaubigten Patentantrages führte. Besagter Verein trug damals noch den wenig wohlklingenden Namen GVJGFRU, „gemeinnützige Vereinigung der Jedi für gemeinschaftliche Freizeitgestaltung und die Rettung des Universums“.
Für die meisten war der Fall klar: Happy Garden hatte versucht, sich einer fremdentwickelten Erfindung zu bemächtigen, um diese zu vermarkten und die eigene Position im Marktsegment Gartenarbeit nachhaltig zu optimieren.
Dabei war die Lasergartenschere, die inzwischen den verkaufsfördernden Namen HappyCut 3000 bekommen hatte, durchaus praktisch. Genau genommen sogar weit praktischer als das Patent des dubiosen Vereines. Denn während man mit der HappyCut problemlos die überwucherten Planetenoberflächen von Rühling VII und Borngroll III zu zivilisierten Gärten hätte machen können, war das Patent der Jedi - das übrigens den pathetischen Namen Lichtschwert bekommen hatte - kaum etwas anderes als ein leuchtender Knüppel, mit dem man anderen Leuten eins überziehen konnte.
Das Funktionsprinzip aber war das gleiche.
Und eben da lag das Patentproblem.
Dennoch weigerte der Geschäftsführer von Happy Planet sich zunächst, die Produktion einzustellen. Die Lasergartenschere war das ultimative Gerät zur intergalaktischen Gartenarbeit auf großen und kleinen Planeten, und konnte dabei nicht nur zur Moosentfernung aus den Fugen künstlicher Planeten, sondern auch zur Erhitzung von Fertiggerichten benutzt werden. Kurzum, das Gerät war der Trumpf der Firma, die sich von dem Ding mindestens ebenso viel versprach, wie sie zuvor investiert hatte.
Zumal auch Exklusivverträge mit den Betreibern der Schrebergartenkolonien im Quintasi Sektor einige Umsatz erwarten ließen.
Happy Planet ließ es also auf einen Prozess ankommen.
Im Lauf eben dieses Prozesses - dessen Unterlagen nach dem großen EMP Debakel im Archivgeschwader der föderierten Großgerichtsbarkeit nicht mehr ganz vollständig sind - fanden zahlreiche Kreuzverhöre statt, die den aufmerksamen Prozessbeobachter durchaus stutzen ließen.
Da gab es etwa die Aussage eines jungen Ex-Jedi, der den Verein aufgrund unüberbrückbarer persönlicher Differenzen verlassen und wenig später das Sith Ferienlager auf Golgoroth Neun gegründet hatte. Ihm zufolge war schon im Zuge der Gründung des Vereines darüber nachgedacht worden, mit welcher Art von Vorrichtung die Jedi jenen fragmentarisch paramilitärischen Charakter ihrer Organisation betonen konnten. Günstig zu erwerben waren zu jenem Zeitpunkt einige Dutzend großkalibriger Rotorkanonen, die nach der fehlgeschlagenen Revolution auf Delta Happa Happa dort niemand mehr brauchte. Die Tatsache, dass jede dieser Kanonen drei Munitionsträger brauchte, machte sie für die Jedi bei einer damaligen Mitgliederzahl von acht jedoch vergleichsweise unerschwinglich.
Es galt dementsprechend etwas zu finden, das sowohl den ästhetischen als auch praktischen Ansprüchen des Vereines genügte. Hierbei wäre schlussendlich ein Zusammentreffen des Vereinskassenwartes mit dem Chefentwickler der Firma Happy Garden in einer Weltraumrockerkneipe auf Bagel IV ausschlaggebend gewesen. Während eben dieses Treffens hätte der redselige Gartengeräteentwickler nach drei Gläsern virgilisischen Wurmsektes seinem Gegenüber stolz die Lasergartenprototypblaupausen präsentiert.
Bei einer kurz darauf anberaumten Jedivereinssitzzung wäre zunächst wohl tatsächlich darüber nachgedacht worden, fortan die Happygardenlasergartenschere im Gürtel zu führen. Dabei sei man jedoch zu dem Schluss gekommen, dass ein Haufen Männer mit glühenden Gartenscheren nur etwas bedingt Bedrohliches hatte, und es folglich besser wäre, die Weiterentwicklung der Erfindung in die eigene Hand zu nehmen.
Das Ergebnis wäre das, im Gegensatz zur Gartenschere in verschiedenen Farben erhältliche Lichtschwert gewesen, dessen Erwerb jedoch nur mit gültigem Jedi-Clubausweis möglich war.
Dem angeklagten gemeinnützigen Verein gelang es während des Prozesses vor allem durch grammatikalisch vollkommen verquaste Ausführungen (wie sie später von einem gewissen Meister Yoda vervollkommnet werden sollten) und einen ungewöhnlichen Zeugen, mit einem blauen Auge davonzukommen.
Es war im nachhinein offensichtlich, dass der Chefentwickler des Happy Garden Konzerns lediglich versäumt hatte, das Funktionsprinzip des Gerätes zu patentieren. Ebenso offensichtlich war, dass die Jedi es gestohlen hatten. Dennoch sollte es ihnen gelingen, einen Zeugen aufzurufen, der ihnen nachträglich eine vorträgliche Legitimation von allumspannender Bedeutung zuteil werden lassen sollte. Bei diesem Zeugen handelte es sich um den Pressesprecher des Institutes für präkognitiv prognostizierte historische Alternativen, das ehemals staatliche und nunmehr privatisierte Orakel von Pogon Alpha.
Der Mann übermittelte dem Gericht zwei zukünftige Alternativen:
1. Wenn Happy Garden den Prozess gewann, würde die Firma im Verlauf von 1000 Jahren mehrere hundert zauberhafte Gärten und Parks anlegen, unzugängliche Waldgebiete von Coruscant bis Naboo wegbar machen und dabei die Zahl der Gartenunfälle um über 700% Prozent steigern.
2. Wenn die Jedi Recht bekämen, würden diese während der nächsten 1000 Jahre hart trainieren, sich selbstständig bilden und sich annähernd ausrotten lassen, um dann zuletzt das Universum zu retten.
Vor allem zwei Aspekte dieser Vorhersage begründeten den Ausgang des Prozesses:
Rettung des Universums klang gut, und eine 700%ige Steigerung von Gartenunfällen hätte zahllose Überstunden für das Gericht bedeutet.
Auf diese Weise gelang es also den Jedi, diesen Prozess entgegen aller Indizien zu gewinnen und dadurch die Happy Planet GmbH, die voll auf das neue Produkt ihrer Tochterfirma gesetzt hatte, vollkommen zugrunde zu richten.
Was hierauf folgte, war beinahe klar:
Der Geschäftsführer von Happy Planet enthauptete sich selbst mit einer HappyCut 3000, und die Jedi begannen hart zu trainieren.

Ich betrachte diese Entwicklungen als ein Fanal der freien Marktwirtschaft, und möchte darum vor allem die drei Fakten herausstellen, die an ihrem Ende stehen:

Der erste Fakt, bis heute den wenigsten bekannt, ist, dass die Geschichte der ehrbaren Jedi - deren Gemeinnützigkeit ihnen übrigens nach einem Vereinstreffen auf dem Bordellplaneten Meretrix 5 aberkannt wurde - mit dem Ruin eines mittelständischen Gartengeräteherstellers begann.

Der zweite, beinahe ebenso wenigen Leuten bewusst, ist der, dass die größte Revolution in Sachen Gartenarbeit, die HappyCut 3000, einem Komplott zum Opfer fiel.


Einzig der letzt Fakt, darf getrost als allgemein bekannt erachtet werden:
Bis heute vermochte die Gartenschere sich als Nahkampfwaffe nicht durchzusetzen.


ENDE



© christian von aster
www.vonaster.de

Montag, Juli 05, 2010

Die besten Plätze

DIE BESTEN PLÄTZE


Als Fritz Schmidt starb, da tat er es so, wie er auch gelebt hatte: wie die meisten anderen auch, indem er eines morgens eben einfach nicht mehr aufwachte.

Seine Seele, die sich bereits vom Körper gelöst hatte, war mit dieser Situation zunächst überfordert und bliebe noch ganze zwei Tage bei ihrem Körper, bevor sie schlussendlich gen Himmel fuhr.

Hier jedoch begegnete man ihr wenig wohlwollend, und Petrus bedeutete ihr unmissverständlich, dass sie den Rest der Ewigkeit keinesfalls in der Gesellschaft von Engeln verbringen würde

Also machte die Seele sich wenig später auf den mühsamen Weg in die Niederungen der individuell ätherischen Reststoffverwertung und fuhr, wie man landläufig sagt, zur Hölle.

Dort angekommen, verstellte der Teufel selbst ihr den Weg und machte ihr unmissverständlich klar, dass es auch hier einer gewissen Qualifikation bedurfte. Genaugenommen, war diese sogar schwerer zu erlangen, als die für die himmlischen Gefilden. Man musste schon einiges leisten, um sich der Hölle würdig zu erweisen.

Damit hatte Fritz Schmidt allerdings nicht gerechnet.

Im Himmel abgewiesen worden zu sein, war seiner Meinung nach gleichbedeutend mit dem Eintritt für die Hölle gewesen.

Zumal man ja am Ende irgendwo bleiben musste.

In diesem Moment, mit dem dem Herrn der Hölle konfrontiert, war es für die Seele Fritz Schmidts an der Zeit, herauszufinden, ob auch sie auf ewig zischen Himmel und Hölle umherirren oder aber ihren Platz in der Hölle bekommen würde.

Satan öffnete seinen Schlund und fragte mit einer Stimme, die so furchterregend durch die ewige Finsternis hallte, dass jede einzelne verdammte Seele bis ins Mark erschauertre:

„Was, Menschenseele, hast du getan, dir deinen Platz in der Hölle zu verdienen?“

Die Seele Fritz Schmidts, die sich gegenüber dem Teufel recht jämmerlich ausnahm, überlegte kurz. Dann antwortete sie wahrheitsgemäß und mit einem nicht allzu guten Gefühl:

„Nichts.“

Einen Moment lang war Schweigen.

Die Seele merkte wohl, dass der Teufel sich etwas mehr erhofft hatte. Und insgeheim bereitete er sich schon darauf vor, für immer und ewig zwischen Himmel und Hölle in Vergessenheit zu geraten, als der Teufel sich plötzlich verneigte, und ihm den Weg freimachte.

Denn jene, die nichts taten, waren von alters her das eherne Rückgrat der Hölle.

Sie füllten ihren Ränge, bestimmten das Schicksal der Welt, und waren der unverrückbare Grundstein der Macht. Wo auch immer ein einzelner wahres Übel tat, brauche jenes Übel um zu gedeihen doch noch immer ein Dutzend von denen die nichts taten.

Jene die nichts taten, waren die Schlimmsten der Schlimmen, was spätestens in dem Moment offenbar wurde, wenn man ihre nächsten abholte, erschlug oder verbrannte.

Der Teufel wusste sehr wohl, dass ohne Seelen wie diese, die Hölle leer und er selbst ein Nichts gewesen wäre. Und eben darum gebührten ihnen hier unten die besten Plätze…

Und schaudernd sah der Teufel Fritz Schmidt nach, als dieser nun seinen rechtmäßigen Platz in der Hölle einnahm...

© christian von aster

Mittwoch, Juni 02, 2010

Neuigkeiten vom Ende der Welt

NEUIGKEITEN VOM ENDE DER WELT
eine verswärtige Betrachtung der gegenwärtigen Weltlage

Es ging neulich zu später Stunde
unverwandt die Welt zugrunde.
Weil aber jeder von uns da
einfach zu beschäftigt war,
haben wir's nicht wahrgenommen,
vom Untergang nichts mitbekommen.

Doch hätt' die Welt bevor sie sank
den Antrag auf den Untergang,
hätte nun die Welt,
diesen fristgerecht gestellt
und mit dreifachem Durchschlag eingereicht,
hätten wir womöglich Interesse gezeigt.

Wir müssen nicht zittern, wir müssen nicht bangen,
denn die Welt ist längst untergegangen.

Montag, Mai 03, 2010

Wir tun, was wir können...

Christian von Aster präsentiert:
garstige Glossen für eine bessere Welt / No. XIV

WIR TUN, WAS WIR KÖNNEN
Eine Serviceglosse in Magenta


Ich bin ja noch bei der Telekom
Wenn ich es recht bedenke, könnte ich niemandem verdenken, wenn er jetzt schon lacht.
Aber ich gehöre zu einer Generation, die ihren Telefonanschluss quasi noch von ihren Eltern geerbt hat. Und die kannten damals ja noch nichts anderes.
Seitdem hat sich natürlich einiges geändert. Aber wenn man genauer hinsieht, scheint der Wechsel von einem Telefonanbieter zum anderen doch kaum mehr, als der verzweifelte Versuch, den Teufel mit dem Beelzebub auszutelefonieren.

Ich bin ja vor allem bei der Telekom geblieben, weil ich auf ihre Erfahrung setzte und davon ausging, dass es dort irgendwie besser ist.
Und tatsächlich: Kunden anderer Anbieter wird lediglich Verarsche zuteil. Die Telekom hingegen bietet Premiumverarsche.
Das aber offenbart sich erst, wenn sie mehr tun muss als Rechnungen schreiben…

Vor einem knappen Jahr plante ich einen Umzug, informierte im Vorfeld die Telekom und erteilte ihr via Internet - wo man heutzutage ja alles machen kann - einen Umzugsauftrag für meinen Anschluss. Es ist übrigens fantastisch anzusehen, von welch variantenreicher Vielzahl von potemkinschen Serviceangeboten die Homepage der Telekom strotzt. Kurz darauf erhielt ich jedenfalls eine Email-Bestätigung, die im Nachhinein nichts anderes ist als Spam, nur weniger unterhaltsam.
Dazu muss man allerdings sagen, dass der Versand einer automatisch generierten Mail anscheinend das einzige ist, was bei der Telekom reibungslos funktioniert.
Eine Woche vor meinem Umzug rief ich - der ich mich nun lange genug an besagter Mail erfreut hatte – schließlich doch mal bei der Telekom an und erfuhr, dass mein Auftrag einem Systemfehler zum Opfer gefallen wäre, man sich aber sofort kümmern würde.
Man kümmerte sich also.
Lange, eingehend, intensiv und ohne sichtbare Erfolge, weshalb ich einen Großteil meiner Tagesfreizeit auf der Telekom Serviceline verbringen und eine Reihe überaus emotionaler Gespräche führen durfte, die sich wie folgt zusammenfassen lassen:
Telekom: „Wir tun, was wir können.“
Ich: „Aber was genau können Sie denn tun?“
Telekom: „Wir können leider nichts tun.“

Nach einigen tristen Wochen, in denen ich und die Telekom uns stetig näherkamen, hatte ich zumindest meinen Festnetzanschluss wieder.
Nur das Internet gönnte man mir nicht, weshalb ich die zarten Bande, die mich mit dem Konzern verbanden, redlich pflegte. Inzwischen hatte ich mich auf einen Kompetenz simulierenden Mitartbeiter eingeschossen, der mir eines Tages am Telefon eine heitere Anekdote erzählte: Nach einem halben Jahr ungelöster Anschlussprobleme hätte er einmal eine Kundin persönlich getroffen und es wäre ein wirklich netter Abend gewesen.
Von dieser Aussicht in bedingt freudige Erregung versetzt, rechnete ich ihm einmal vor, was die innige Beziehung zu besagtem Konzern mich inzwischen gekostet hatte.
Mein Gegenüber zeigte sich verständnisvoll. Und statt mir ein persönliches Treffen bei Kerzenlicht vorzuschlagen, offerierte er mir Gutschriften. Und zwar in einem derart beeindruckenden Ausmaß, dass es mich für den Moment ebenso befriedete wie ein Lolli, den man einem schreienden Kind in den Rachen rammt.

Nach einem dreiviertel Jahr, insgesamt 18 Anrufen und sechs verschiedenen Mitarbeitern der Telekom Serviceline, komme ich zu dem Schluss, dass der Konzern womöglich unter Amnesie leidet. Er könnte allerdings auch darauf setzen, dass Kunden zugunsten freundlicher Gespräche vergessen, was ihnen am Telefon zugesichert wurde oder aber versterben, bevor ihre Gutschriften fällig werden. Wobei es natürlich auch möglich ist, dass die Telekom ihre Gutschriftenpolitik langfristig angelegt hat, und all die vollmundig versprochenen Vergünstigungen schlussendlich meinen Enkeln zuteil werden.

Ich habe jedoch auch noch eine weitere interessante Theorie entwickelt: Nämlich, dass der Konzern unter der Hand eine Singlebörse betreibt.
Singles aus ganz Deutschland zahlen dafür, dass sie in Telekom-Callcentern arbeiten dürfen, wo sie täglich Kontakt mit mehreren hundert unzufriedenen Kunden haben, die sie am Telefon eingehend kennenlernen können, um sich dann gegebenenfalls mit ihnen zu treffen und schlussendlich zu heiraten.
Erst wenn man all diese Dinge genau bedenkt, vermag man zu sagen, was die Deutsche Telekom tatsächlich ist:
Ein Konzern, der Rechnungen schreibt, neben einer geheimen Partnervermittlung einige potemkinsche Callcenter betreibt, darüber hinaus bedingt funktionale Telefonanschlüsse vermietet und einem zuletzt noch eine ganze Menge Ärger bereiten kann, für den er sich fürstlich bezahlen lässt.

Oder um es mit einem der aktuellen Slogans der Telekom zu sagen:

Bewährte Qualität aus einer Hand.

Merken Sie sich diese Hand.
Denn Sie wird Ihnen redlich in die Tasche greifen.
Und sobald Sie ein Problem haben, wird sie Sie ohrfeigen bis wissen was Magenta ist...*


*zugunsten der telekom muss der autor anmerken, dass sie sich nach erhalt dieses textes darauf besann, ihn nicht nur für außerordentlich unterhaltsam zu erachten, sondern dem autor auch eine reale gutschrift in dreistelliger höhe zuteil werden zu lassen





© 2o1o christian von aster
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Samstag, Januar 30, 2010

Für die Statistik

FÜR DIE STATISTIK

oder darf es noch ein bisschen mehr sein?


Jugendgewalt ist heutzutage ja ein Thema. Das erfuhr ich jedenfalls, als ich kürzlich im Berliner Institut für Gewaltprä-, inter- und subvention an einer gesellschatlich relevanten statistischen Erhebung zu diesem Thema mitwirken durfte.

Für meine Teilnahme wurde mir eine Vergütung von 30,00 € in Aussicht gestellt, und man versicherte mir, dass besagter Test in keinem Fall länger als eine halb Stunde dauern würde.

Ich füllte zunächst einen anonymen Fragebogen aus, dann folgte ein kurzes Aufklärungsgespräch über Sinn und Zweck des Testes: Da nämlich Gewalt heutzutage viele Gesichter hätte wäre es schwer, sie zu kategorisieren und wissenschaftlich auszuwerten. Da das jedoch vonnöten wäre, hätte man also diesen Test entworfen, der weltweit von zertifizierten Instituten durchgeführt wurde. Die ersten zehn Minuten meiner halben Stunde verbrachte ich damit, dieser Rede zu lauschen und Formulare auszufüllen.

Blutgruppe, Allergien, ethnische Abstammung. Das Übliche. Darüber hinaus Fragen nach Unfallversicherung, Krankenkasse und Sportverletzungen. Ich habe das Kleindgedruckte überflogen, dann meine Unterschrift druntergesetzt (für Geld muss man immer irgendwo unterschreiben), und zuletzt folgte eine kurze ärztliche Untersuchung, die ebenfalls fünf Minuten in Anspruch nahm, womit die ersten 15 € schon verdient waren.

Der untersuchende Arzt führte mich schließlich in einen weißgekachelten Raum, fixierte mich, verband mir die Augen und ging. Ich fühlte mich nicht wirklich wohl, aber lange konnte der Spaß ja nicht mehr dauern. Schließlich war die Hälfte der Zeit schon vorüber.

Pllötzlich ertönte ein Geräusch ähnlich dem Schließsignal einer U-bahn, und dann begann die schlimmste Viertelstunde meines Lebens:

Der erste Schlag traf mich in der Lendengegend, gefolgt von einem beherzten Schienbeintritt, der in ein mittelschweres Faustschlagstakkato in Magengrubenregion überging. Das Ganze dauerte etwa zwei Minuten. Dann erklang ein zweites Signal und die Schläge verstummten. Ich vernahm ein leises knisterndes Rauschen und aus einem Lautsprecher drang die Stimme des Arztes, der mich bat, meine Eindrücke bezüglich der Qualität gerade der empfundenen Gewalt zu schildern und auf einer Skala zwischen 1 und 10 einordnen. Ich antwortete ihm, er bedankte sich und dann ertönte ein weiteres Signal.

Drei Ohrfeigen in schneller Folge, ein Tritt zwischen die Beine, dazwischen angespuckt, außerdem gebissen und gekratzt. Das nächste Signal. Frage nach meinen Eindrücken, Antwort meinerseits.

In Gedanken stellte ich mir die Frage, was ich eigentlich gerade unterschrieben hatte. Ich kam jedoch nicht dazu, meine Phantasie spielen zu lassen, da schon das nächste Signal ertönte. Dieses mal ging es gleich ins Gesicht. Eine Faust-Nase, Faust-Kinn, Faust-Auge Kombination, drei beeindruckende oberkörperorientierte Kickboxmoves, zwei Knie im Bauch, dann das Signal.

Die übliche Frage, meine wahrheitsgemäße Antwort.

Danach folgte die Baseballschlägerrunde. Gleich darauf noch eine schlägerlose mit mehreren Teilnehmern und zuletzt eine Stockattacke mit weniger harten Schlägen.

Dazwischen wurden immer wieder meine persönlichen Eindrücke abgefragt, und dann war der Test endlich vorüber.

Mit allem drum und dran hatte er exakt eine halbe Stunde gedauert.

Der Arzt nahm mir die Augenbinde ab, ich wurde losgeschnallt und in einem Nebenraum drei Stunden lang medizinisch versorgt. Ich bekam eine provisorische Schiene für mein geprelltes Bein, eine Kompresse für mein geschwollenes Auge und ein paar Heftpflaster für verschiedene Platz- und Schürfwunden.

Am Ende trat der Arzt an mein Bett, um mit mir über die Ergebnisse meines Tests zu sprechen: Innerhalb des Gewaltschlüssel aus randalierenden Grundschülern (3.Klasse), einer ethnisch durchmischten Mädchengang (14-17 Jahre), betrunkenen Ausländern (2,3 Promille), Skinheads (ebenfalls 2,3 Promille), einer Gruppe Hooligans (Lok Leipzig und Bfc Dynamo) und zwei wütenden Rentnern (76 und 83 Jahre), hätte ich erwartungsgemäß Skinheads und Ausländer mit 9 von 10 Punkten auf den ersten Platz gewählt und die aggressiven Rentner mit 2 Punkten am angenehmsten gefunden.

Damit entspräche mein Ergebnis dem üblichen internationalen Standard.

Er bedankte sich, drückte mir einen Umschlag mit 30 € in die Hand und fragte noch, ob ich vielleicht Interesse hätte, an der erweiterten Testvariante mitzuwirken. Springmesser bei den Grundschülern und Gaspistolen bei den Hooligans. Aber dafür gäbe es dann auch 50 €.

Ich lehnte dankend ab.

Wenig später verließ ich humpelnd das Krankenzimmer, und wollte mir, bevor ich ging, noch einen Kaffee gönnen. Die Cafeteria war schnell gefunden. Und dort saß ein halbes Dutzend Grundschüler, die ihre Kinderriegel aßen, sieben halbwüchsige Mädchen, die sich ihre Nägel feilten und zwanzig Hooligans, die selbst am Tisch noch rauften. Außerdem zwei ältere Herrschaften, die ihre Gehstöcke polierten und zuletzt je ein Dutzend Skinheads und Türken, die bemüht waren, ihren Promillepegel zu halten.

Ich unterhielt mich noch ein bisschen und erfuhr ganz nebenbei das einzige, das mich an dieser Sache wirklich sauer machte: Die bekamen für den Tag jeder 150 €!

Kurz darauf ertönte zwei Räume weiter ein Signal, die Grundschüler sprangen auf um ihrer Arbeit nachzugehen und ich humpelte heim, um meine sauer verdienten 30 € zu verprassen ...


Wenn sie also das Bedürfnis haben, sich mal für die Statistik vermöbeln zu lassen, empfehle ich ihnen das deutsche Institut für Gewaltprä-, inter- und subvention. Sollten sie Grundschüler, Rentner, Gangmitglied, Skinhead, Hooligan oder ein gewaltbereiter Ausländer sein, dann könnte sich das sogar lohnen...




Dienstag, Oktober 13, 2009

ein neues Kapitel in großen Buch gepflegter Unverschämtheit


NEULICH IM SPEISEWAGEN


Ich fahre regelmäßig Bahn und bin dementsprechend traumatisiert.
Denn auf jeder Fahrt werden neuerliche Abgründe offenbar. Heute beispielsweise habe ich feststellen dürfen, dass ich für meine ursprünglich 50 Euro teure Fahrkarte im Stornierungsfall mit Glück mal gerade 10 Euro zurückbekäme. Mir würden also – wenn ich beispielsweise spontan mal Lust haben sollte mir ein Bein oder so etwas zu brechen - bei der Bahn erhebliche finanzielle Nachteile daraus erwachsen.
Ergo fühle ich mich in meiner persönlichen Freiheit ein wenig eingeschränkt und werde in nächster Zeit wahrscheinlich zunächst einmal Abstand davon nehmen, mir ein Bein zu brechen. Besonders nicht wenn ich einen Fahrschein besitze.
Zu meinem finanziellen Nachteil gereichen aber auch ohnedies schon die Preise im Speisewagen, dieser unwirklichen Zwischenwelt, wo die Inflation immer 20 Jahre weiter als im Rest der Welt vorangeschritten ist. Es ist vielleicht drei Zugfahrten her, da bestellte ich in dieser Twilightzone tatsächlich einmal etwas dass mich zufrieden stimmte: einen Thunfischsalat. Sicher, er war durchaus mit dem bahnimanenten Stigma des Wuchers besetzt, aber dabei lecker und üppig. Auf der nächsten Fahrt dann hatte das Produkt zwar nicht an besagtem Stigma, wohl aber an Geschmack und Üppigkeit eingebüßt. Mein verwirrter Blick fand vielleicht die Hälfte des ursprünglich dargereichten Tieres zwischen den Salatblättern. Zunächst fragte ich mich freilich, ob es denn hier keine Richtlinien, Portionierungsvorrichtungen oder etwas derartiges gäbe, da es sich ja hier letztenendes doch um keine geringere als die deutsche Bahn handelte.
Mit leichtem Missmut verzehrte ich kurz darauf Thunfisch und Salat und dachte dabei damals schon: Vielleicht darf der freundliche Bahnbedienstete (oder in diesem Fall zumindest der Bahnbedienstete) am Ende seines Arbeitstages die Reste mit nachhause nehmen. Und vielleicht hat er ja vier Kinder die er durchbringen muss und spart darum hier ein wenig Thunfisch, da ein wenig Butter und dort ein altes Brötchen. Kann ja sein.
Dennoch hegte ich die leise Hoffnung, dass die Familie des nächsten Kellners kleiner und der nächste Salat wieder größer wäre.
Aber weit gefehlt. Die Bahn nämlich fährt ihre Kurse konsequent: in gleichem Maß wie Serviceangebot und Haltestellen schrumpft hier auch der Thunfischsalat. Genaugenommen hatte ich beim Anblick des letzten Tellers das Gefühl, als ob Thunfisch hier allenfalls in homöopathischen Dosen verabreicht wurde. In diesem Falle war das karge bisschen Fisch jedoch von einer versierten Fachkraft durch einige taktisch angerichtete Gurkenscheiben so verborgen worden, dass diese den unbedarften Betrachter durchaus hätten vermuten lassen können, dass sich darunter noch ein gewisses Maß an Fisch befände. Misstrauisch lüpfte ich die Gurkenscheiben... um daraufhin verstört in die trostlose Leere des Blattsalates zu starren.
Als der Kellner mich unvorsichtigerweise noch einmal passierte, wollte ich ihm eine Chance geben: Ich sprang auf, musterte ihn scharf und fragte ihn in ernstem Ton:
„Haben Sie Kinder?“
Sein Verneinen machte meine erste Theorie zunichte. Was aber konnte dann der Grund für diesen bizarren fortschreitenden Schwund sein?
Fortgeschrittene Fischverdunstung?
Oder ein Streik des Thunfischs an sich?
Und obwohl die Bahn wieder einmal plant, ihre Preise zu erhöhen, schloss ich schnöde Profitsucht als Ursache noch immer aus.
Ich atmete also meinen Thunfisch ein und fragte mich dabei doch, wofür eine homöopathische Thunfischtherapie wohl taugen mochte. Aber vielleicht gibt es dort draußen ja so etwas wie Thunfischschnupfen, eine Krankheit, die ich fortan nicht mehr bekommen würde. So oder so bin ich gespannt auf meine nächste Bahnfahrt. Ohne Zweifel wird die salatimanente Fischdosis weiter reduziert werden, die Delphine sind sicherer als je zuvor und auf der Speisekarte wird Thunfischsalat gestrichen und durch einen „Salat mit Thunfischduft“ ersetzt worden sein.

VON DER BESONDEREN BEDEUTUNG DER MEINUNGSFREIHEIT IN KRISENZEITEN

ZWISCHEN NEUSPRECH UND NIXDENK



Die Wirtschaftskrise hält uns in unerbittlichem Würgegriff.
Und noch hat leider keiner eine Möglichkeit gefunden, das Ganze den Terroristen in die Schuhe zu schieben.
Aber selbst ohne Al Qaida ist das Thema so populär, dass jeder dazu eine Meinung hat irgendwie.
Sogar ich.
Ich ahne beispielsweise, wer, wenn irgend jemand Konjunkturpakete schnürt, am Ende das Porto zahlen wird.
Außerdem bin ich der Meinung, dass man jemandem seinen Gürtel nicht wegnehmen sollte, wenn man möchte, dass er ihn enger schnallt.
Aber besagte Krise ist ja nicht unser einziges Problem. Es gibt so vieles, zu dem man gegenwärtig eine Meinung haben kann.
Zum Beispiel der Terror, der durch die hochinfektiöse Paranoidose Schäublensis Deutschland nach und nach zu einem einzigen Terrortrainingscamp mutieren lässt.
Aber man warnt uns zurecht: Als nächstes wollen diese Teroristen nämlich das Weiße Haus sprengen, haben die Amerikaner herausgefunden.
Natürlich wollen sie das. Und aus Blei Gold machen wollen sie auch.
Und damit ist beim besten Willen nicht zu spaßen...
Obwohl die Terrormischpoke es ja auch nur noch auf die Titelblätter schafft, wenn mal wieder ein Bin Laden Double einen Bartstrip einstudiert hat.
Aber Allah sei Dank, kann man ja nicht nur Terroristen überwachen:
Gleich nach denen kommen nämlich Angestellte.
Die großangelegten Überwachungsskandale sind allerdings auch schon wieder vergessen. Lidl legte mit Hilfe der Bildzeitung eine kleine Canossa-Bildstrecke zurück, und Telekom und Bahn Skandale sind bereits in aller Vergessen geraten, wobei ihr Nachbeben jeodch zumindest noch den König der Schaffner, den Schienensauron Mehdorn vom Bahnsitz gefegt hat.
Nichtsdestotrotz hat besagter Minister Schäuble, dessen schützende Hand damoklesschwertgleich allzeit über unseren Häuptern hängt, im Zuge dieser bedauerlichen Einzelfälle eine Sondersitzung einberufen. Deren zentrales Ergebnis war die Feststellung, dass Gesetze zum Schutz der Arbeitnehmer so schnell nicht zu schaffen sein werden.
Eine Information,welche die Titelblätter nur knapp verfehlte.
Vor allem weil sie harte Konkurrenz in der Welt der bedeutsamen Informationen hat.
Und das hat wieder etwas mit Meinungsfreiheit zu tun.
Wobei der Gedanke der Arbeitnehmerüberwachung natürlich vollkommen richtig ist. Überwachung schafft Sicherheit. Die Damen bei Lidl könnten schließlich nicht nur Pfandbons stehlen, sondern die Erlöse derselben auch auf Al Qaida Konten überweisen.
Gottseidank verhindert das jemand.
Ja, ob Sie es glauben oder nicht, ich bin für Mitarbeiterüberwachungsstandards.
Vor allem da ja Minister Schäuble im Sinne der Demokratie ja quasi mein Angestellter ist.
In diesem Zusammenhang wäre es sicher ratsam, mal seinen Hausmüll zu durchsuchen, seine Mails zu lesen, ein wenig sein Telefon abzuhören und zu schauen was er mit seinen Pfandbons anstellt.
Nur dass er nicht am Ende etwas tut, dass dem Unternehmen Deutschland schadet...
Die meisten Leute bewegen jedoch andere Sachen.
Obwohl ein Michael Jackson Comeback mir persönlich eines der unglaubwürdigsten Ablenkungsmannöver überhaupt scheint...
Doch auch hier sein noch einmal auf die Bedeutung der Meinungsfreiheit hingewiesen.
Zu allem kann man schließlich eine Meinung haben.
Wobei der gute George Bernard Shaw schon ganz treffend bemerkte: „Geben Sie sich niemals mit einer einzige Meinung zufrieden.“. Und tatsächlich empfinde ich eine Mehrfachmeinung ungleich sinniger als gar keine.
Obwohl so viel Meinung dann doch schon wieder etwas bisschen viel ist. Aus diesem Grund wäre doch einfach mal eine kleine Internetzensur angebracht. Und weil man aber das Terrorlabel nicht überall draufkleben kann, jagt man hier eine andere Sau durchs schaudernde Dorf. Und das Kettenrasseln des kinderpornogaphischen Schreckgespenstes ist so markerschütternd, dass kaum einer wagt, darüber nachzudenken, was Internetzensur eigentlich bedeutet.
In Australien ist etwa kürzlich eine Liste von Seiten an die Öffentlichkeit gelangt, die die Regierung dort zu zensieren gedenkt. Erstaunlicherweise hat ein großer Prozentsatz derselben nicht einmal entfernt etwas mit Kinderpornographie zu tun.
Aber das ist sicher nur ein Zufall.
Schließlich wollen doch alle nur die Welt zu einem besseren Ort machen.
Dafür haben die Amerikaner sogar ihren Präsidenten schwarz angemalt.
Die Welt ist in Bewegung.
Und Deutschland genießt seine Meinungsfreiheit und vegetiert zwischen Abwrackprämie und Komasaufen.
Für den Erhalt dieser Meinungsfreiheit tun sogar die Mächtigen unserer zeit was sie können:
Bildung schrumpfen, Ängste schüren und den Inhalt von Massenmedien pervertieren.
Und das mit Erfolg: vielerorts macht man sich durch die Verwendung grammatikalisch korrekter Sätze schon verdächtig. Woanders sind selbst die Arbeitslosen so verängstigt, dass sie fürchten ihren Job zu verlieren und zuletzt wäre die Umschreibung des gängigen Fernsehprogramms als Sondermülldeponie eine unrealistische Schönwerbung.
All das Bemühen um meinungsfreiheit trägt prächtige Früchte, wie man kürzlich auch an der einer Aussage von Dayana Mendoza, ihres Zeichens Miss Universum, sehen konnte. Gemeinsam mit einer Kollegin hatte diese das Gefangenenlager Guantanamo besucht und schrieb darüber in ihrem Blog: „Guantanamo ist ja sooo lustig“.
Dank der investigativen Arbeit der schönsten Frau der Welt erfahren wir:
Die Welt hat Guantanamo verkannt.
Denn in Wirklichkeit ist das Lager eine riesige Hüpfburg und zu jeder vollen Stunde erscheint Buffy der Clown..
Es geht doch nichts über eine geschulte differenzierte Wahrnehmung.
Und eben diese lässt sich lernen: Lasst uns Bildung und Information entsagen, Angst haben und fernsehen. Und bald sind wir die besten Bürger, die ein Staat sich wünschen kann:
allesamt 100% meinungsfrei.

© christian von aster - www.vonaster.de

Montag, Februar 09, 2009

Kleine Integrative Satire

GROßGÖRING
come to where the Glatzen sind


Die wachsende Zahl gewalttätiger Übergriffe auf Skinheads in der Öffentlichkeit macht es deutlich: die Zeit zum Umdenken ist gekommen. Die Dämonisierung des Neonazis als Sündenbock und Prügelknabe muss endlich ein Ende haben. Die Gefahren für eine gesellschaftliche Minderheit, die regelmäßig Häme, Spott und Anfeindungen ausgesetzt ist, sind nicht absehbar.
Eine funktionierende Demokratie mit ausgereiften ethisch moralisch Grundsätzen darf in einer solchen Situation nicht tatenlos zuschauen. Obwohl die offensive Andersartigkeit gerngroßdeutscher Individuen mit einseitigem politischen Bewusstsein und gepflegter Kurzhaarfrisur fraglos eine Herausforderung für eine solche Demokratie bedeutet.
Eine nachhaltige Lösung propgagiert der internationale Soziologe Prof. Hassler in seinem Buch „Das Hakenkreuzworträtsel“.
Seinen Beobachtungen zufolge findet sich keine andere Untergrundkultur, in der aus Analphabetismus, spätgermanischem Faustrecht und völkischer Verklärung in Verbindung mit Alkohol ein derart übersteigertes kollektives Selbstbewusstsein resultiert.
Irrationalerweise rechnet sich der arbeitslose alkoholkranke Arier ohne Schulabschluss auch heute noch der Herrenrasse zu.
Hassler, der vor allem durch seine vielfach zitierte Aussage: „Mit tut jede schwere Kindheit leid, die einen Nazi hatte.“ bekannt wurde, plädiert heute dafür, den Neonazi als eine bedrohte Volksgruppe zu betrachten, dessen unzeitgemäße politische Lebens- und Denkweise (Hassler spricht vom Denken in den Grenzen von 1937) er für schützenswert erachtet.
Aus diesem Grund fordert er rückhaltlose Toleranz für ausgeprägtes Dummdeutschtum.
Sich der gesellschaftlichen Kontroverse seines Ansatzes vollauf bewusst, bietet Hassler jedoch auch einen realistischen Lösungsansatz: Sein Augenmerk liegt auf den gegenwärtigen Investitionen zur Resozialisierung straffällig gewordener Neonazis, die in der Zeit zwischen dem Verprügeln von Ausländern, Linken, Gröhlen von Hetzparolen und Tragen verfassungsfeindlicher Symbole Töpfern, Musik machen, und gemeinsam mit ihren Betreuern in den Urlaub fahren, um bessere Menschen zu werden.
Hassler schlägt, schlägt vor, diese Gelder stattdessen in den Bau eines Reservates zum Schutz dieser bedrohten Minderheit zu investieren.
In Zusammenarbeit mit dem sozialfaschistischen Institut hat der Soziologe für das Gelände des ehemaligen Flughafens Berlin Tempelhof das Modellreservat Großgöring entworfen. Umgeben von deutschen Eichen sollen dort Reihenhaussiedlungen entstehen, die ausschließlich rechten Skinheads vorbehalten sein werden.
In diesem Sinne wird auch auf ein ansprechendes, zielgruppengerechtes Ambiente geachtet. So ist zur Pflege folkloristischen Bewusstseins angedacht, jede Küche innerhalb der Siedlung mit einer SS Ecke aus rustikaler Eiche auszustatten.
Desweiteren sollen strenge Regeln, wie sie dem Freund großdeutschen Brauchtumes eine Freude sind, das Leben in Großgöring bestimmen, wo die Anwohner anzünden dürfen was sie wollen, solange sie es danach selber wieder aufbauen. Auch andere liebgewonnene Freizeitbeschäftigungen werden die Anwohener nicht missen müssen. Gesellschaftlich diskreditierte Sportarten wie Türkenklatschen oder Zeckenboxen werden innerhalb des Reservates gepflegt werden können. Allmorgentlich werden die Anwohner im Rahmen eines großen Kuli- und Fellachenbingos die Rolle rassisch minderwertiger Individuen untereinander auslosen, die dann den Rest des Tages durch die Straßen gejagt werden. Und abends, wenn er froh ist, kein Neger mehr sein zu müssen, trinkt und lacht der Skinhead mit den Kameraden, die ihn im Krankenhaus besuchen. Das stärkt den Gemeinschaftssinn.
Auch allseits beliebte Fackelzüge und Kundgebungen wird es geben, darüber hinaus ein speziell einseitiges Angebot an Kursen wie „Grüßen aber richtig“ und „Holocaustleugnen für Anfänger“. Regelmäßige Bücherverbrennungen werden möglich sein, gelten aber alsunwahrscheinlich, weil dazu irgend ein Anwohner zumindest ein Buch besitzen müsste.
Bei der Errichtung Großgörings setzt Dr. Hassler auch auf Kooperation mit der Wirtschaft. Ein namhafter auf Baseballschläger spezialisierter Sportgerätehersteller, eine Brauerei, die Hundeschule Blondi und ein deutscher Spezialitätenlieferservice mit Schwerpunkt Kartoffelsalat und Würstchen haben ihre Unterstützung bereits zugesagt.
Der Soziologe rechnet auch mit Zuspruch und Verständnis seitens der Industrie, und innerhalb von Großgöring, wo Deutsche bei Deutschen kaufen werden, mit nazifreundlichen Preisen, beispielloser Kulanz und anstandsloser Rücknahme von Mengele-Exemplaren.

Goßgöring verspricht eine Leuchtfeuer gesellschaftlicher Toleranz zu werden, wo neofaschistische Aggressoren zu autokraten Gewaltselbstversorgern werden , alles außerordentlich deutsch und Ignorranz kein Problem sondern ein Lebensgefühl ist.

In diesem Sinne: Üben Sie Toleranz.

Und sagen Sie den Nazis, dass sie schon mal packen können.



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© christian von aster
überarbeitet 270109



Mittwoch, April 23, 2008

generelle Gedanken zur gegenwärtigen Gewaltkultur

DAS GROßE YOUTUBE-GRUNDSCHULKICKBOXEN

Aus Funk und Fernsehen weiß ich, dass Anwendungsgebiete und Darreichungsform jugendlicher Gewalt sich immer weiter entwickeln. Allein in der Bildzeitung werfen junge Menschen sich ständig gegenseitig vom Balkon, weil sie einfach nichts besseres zu tun zu haben scheinen.

Mir ist das ein wenig fremd. Wahrscheinlich weil ich nie das Bedürfnis hatte, James Finchers „Fight Club" (nach der Romanvorlage von Chuck Palaniuk) nachzuspielen. Heute machen die jungen Leute sowas ja ständig, und die Schulhöfe heute müssen, wenn wir alles glauben, was man schreibt, altrömischen Gladiatorenschulen ähneln. Der Gewaltmechanismus dort scheint universal. Da werden Moves von X-Box oder Playstation auf Realitätsnähe überprüft, Besitzverhältnisse von Markenkleidung neu definiert oder erste Mannbarkeitslorbeeren erprügelt. Und das trotz Boot-Camps, Arbeitslager und Supernanny. Inzwischen müssen die jungen Leute bereits die Schule schwänzen, damit sie in der Zeit Kickboxstunden nehmen und sich im Ernstfall verteidigen können.

So lange desorientierte junge Menschen sich jedoch lediglich gegenseitig verprügelten, war das in Ordnung. Inzwischen zieht Jugendgewalt allerdings Kreise und neben dem großen Prozentsatz deutscher Schüler, der sich zu Unterhaltungszwecken auf Youtube verprügeln lassen muss, erwischt es jetzt mitunter auch unbescholtene Bürger.

Und das lässt sich freilich in Schlagzeilen feiern. Ohne brutalmarodierende Grundschüler, Ubahnchaoten, Steineschmeißer und Maulhaukasper wäre unsere ausrufungszeichenorientierte Schlagzeilengesellschaft gar nicht mehr denkbar. Ständig muss gewarnt und gemahnt werden. Angst macht Auflage, und irgendwie scheint es, als bräuchte die Gesellschaft regelmäßig die Fresse poliert, um sich darüber aufregen zu können. Gewalt wird eben überall da ausgeübt, wo man sie als lohnend empfindet, und eine Bombe die explodiert ist eben spannender als eine, die entschärft wird.

Der leicht zugänglichen Presse zufolge müssen jedenfalls etwa 90% der Jugendlichen blutdürstige Pschopathen sein. Beliebt sind in diesem Zusammenhang, bei denen man sich, basierend auf der aktuellen Gewaltschlagzeile versiert dazu äußern darf, ob es nun schlimmer ist von Skinheads, Ausländern oder Autonomen verprügelt zu werden.

Für mich persönlich kann ich feststellen, dass Gewalt mir grundsätzlich unangenehm ist. Egal von wem sie ausgeübt wird. Desweiteren muss ich zugeben, dass es mir in der Regel mehr liegt, wenn jemand verprügelt wird, der nicht ich ist. In meinem Leben habe ich darum bisher auch eher nur in homöopathischen Dosen aufs Maul bekommen: In jungen Jahren springerstiefelte ein Skinhead mich unter dem Jubel sparsam frisierter Kollegen und einem fadenscheinigen Vorwand den Kopf, und vor knapp einem Jahr durfte ich fünf sturzbetrunken jungen Südländern beim Frustrationsabbau behilflich zu sein und ihnen, nach dem man sie nicht in einen Club gelassen hatte, ein Gesicht für einen beherzten Faustschlag zur Verfügung stellen,. Falls mir jetzt noch der Sinn nach etwas autonomer Gewalt steht, muss ich mir nur ein Thor Steinar Leibchen überziehen und im falschen Teil der Stadt spazieren gehen.
Doch obwohl ich ein Streetfightjungfrau bin, habe ich durchaus eine Meinung zum Thema Gewalt, die am ehesten einem Ausspruch Isaac Asimovs entspricht: „Gewalt ist die letzte Zuflucht des Unfähigen".
Fähigkeit ist allerdings lernbar.
Insofern man Vorbilder hat.
Und zwar solche, die nicht auf You-Tube Kickboxen...

© christian von aster

Sonntag, März 02, 2008

THE WONDERFUL WORLD OF SPAM

THE WONDERFUL WORLD OF SPAM

oder
Danke, mein Penis ist lang genug


Der Besitz eines Computers prädestiniert für Probleme.

Denn selbst wenn alle angeschlossenen Geräte irgendwann funktionieren, gibt es am Ende noch das Internet! Und dort warten viele neue Freunde, wie etwa Jessica42, Mona938 und Uschi WeissderDrahtwienoch, die uns auf ihrer Homepage ständig neue Bilder von sich zeigen wollen. Aber dort im Netz gibt es auch noch andere Leute. Menschen, die das ehrliche Bedürfnis haben zu helfen! Zum Beispiel 23987@aol.com, der mir heute ein buntes Tablettenpacket schnüren wollte: 10 Sorten putzige Pillen und many many others.

Doch in Anbetracht der Tatsache, dass weder Jessica noch Mona mir damals auf meine Mails geantwortet haben, habe ich auch darauf verzichtet, 23987 zu fragen, ob das sein Vor- oder Nachname ist.

Ich werde ihm wohl überhaupt nicht zurückschreiben.

Schräg gegenüber ist schließlich eine Apotheke.

Andere charmante Leute sind rund um die Uhr bereit, mir bei meinen Problemen mit hässlichen Pop-Ups zu helfen, die sie mir allerdings vorher selber schicken. Das bedeutet, dass sich auf einem Monitor ein Fenster öffnet, in dem man mich fragt, ob ich das Öffnen von Fenstern nicht irgendwie unterbinden möchte. Genaugenommen hat das etwas von einem Oberschenkelsteckschuss dessen Schütze freundlich fragt ob man in Zukunft nicht vielleicht doch lieber nicht angeschossen werden würde. Auf einer etwas höheren Ebene ist die ganze Geschichte ein beinahe globales Gleichnis, das in etwa einem Krieg entspricht, den man führen muss, um in Zukunft keine Kriege mehr zu führen. Soll ja aber auch schon passiert sein.

Aber Gott sei Dank lassen die Dinger sich ja schnell wegklicken.

All das vermochte ich recht zügig hinter mir lassen, ganz im Gegensatz zu den Mails der Leute, die sich regelmäßig besorgt nach meiner Penislänge erkundigten.

Ich gebe zu, ich habe ein wenig darüber nachgedacht.

Als dann aber derlei besorgte Erkundigungen auch die Mailboxen weiblicher Bekannter füllten, begann ich, das ganze weniger persönlich zu nehmen. Die hierdurch gewonnene Freizeit verwendete ich auf ein kleines Rechenexempel, dass mich zu einem bemerkenswerten Ergebnis kommen ließ: Ein winzig kleines männliches Dingens, das sich für jede irgendwo eingehende freundliche Verlängerungsmail automatisch um ein Zentimeterchen verlängert, würde dementsprechend innerhalb zweier Tage bis zum Mond reichen. Das ist zwar wirklich beeindruckend, aber irgendwie auch nicht sinnvoller als sich selbst beschimpfende Pop-Ups und genaugenommen Quatsch.

Das klingt an dieser Stelle vielleicht hart.

Aber ich bin eigentlich kein schlechter Mensch.

Und wahrscheinlich sind Jessica, Mona, der Pillenmann, Herr Pop-Up und die Kollegen von Penisverlängerung es auch nicht. Aber insgeheim wäre es mir dennoch ein Bedürfnis, all diese Leute zumindest virtuell mal miteinander bekannt zu machen. Die Vorstellung, dass Jessica und Mona sich im Widerschein zahlloser Pop-Ups die Pillen von 23987 einwerfen, während der Penisdiscounter, die neuesten Bilder der beiden Ollen anschauend, diesem noch ein Stückchen auf den Dödel schraubt, erfüllt mich nämlich irgendwie mit tiefer Genugtuung!

Davon ab frage ich mich jedoch ernsthaft, ob mir so ein kleines zusätzliches Zentimeterchen wirklich schaden könnte...


© christian von aster

Mittwoch, Februar 06, 2008

MARTYRIUM BRAUNSCHWEIGENSIS

Mit freundlicher Unterstützung der deutschen Bahn


Berlin-Seesen. Ich erwarte nicht, dass Sie von zweiterem schon einmal gehört haben. Aber seien Sie versichert: es ist, wie so viele andere Strecken, auf denen deutschbahniges Schienenwerk erglänzt, eine Strecke voller Tücken. Und das, obwohl nur einmal umgestiegen wird.

Dieses Umsteigen aber hat es in sich!

Doch fahren wir fort: Ob auch pünktlich abgefahren, gelingt es dem ICE auf der Strecke eine gewisse Verspätung zu erwirtschaften. Damit aber haben wir gerechnet und es gibt nichts, das uns weniger erstaunen würde. Wir sind schließlich keine Anfänger.

Die Bahn jedoch hält auch für ihre abgeklärtesten Insassen noch Überraschungen bereit…

Wie sie nun von jenen üblen Störungen in diesen schrecklichen Streckenabschnitten erzählt, da weckt die warme, ehrliche Stimme des Zugführers beinaheVerständnis in uns. Wir fühlen uns sicher und geborgen, und das sogar zweisprachig.

Ein verspäteter Zug aus Leipzig wäre Schuld, säuselt unser Zugführer weiter, die Anschlusszüge jedoch würden ausnahmslos warten und überdies wäre die Verspätung minimal.

Er sagt es so souverän, wirkt dabei so glaubhaft, dass ich das erste Mal seit langem das Gefühl habe, dass sich bei der Bahn etwas getan hat und der Kunde hier plötzlich etwas wert wäre.

In der sicheren Gewissheit, dass alle Anschlusszüge warten, lehne ich mich zurück und spüre irgendwie, das alles gut werden wird.

Den Umsteigebahnhof, den lieblichen Braunschweiger Hauptbahnhof erreichend, bewege mich aus dem üblichen Reflex heraus ein wenig schneller, um schlussendlich die schmucke Rückseite meines, sich allmählich entfernenden Anschlusszuges gebührend betrachten zu können. Das ist ja alles durchgestylt. Eine hübsche Rückseite, rot und rein und darüber hinaus ganz allmählich kleiner werdend.

Ein einziger Blick auf meine Uhr verrät mit, wie lange jener Zug gewartet hat; eine Zeitspanne von null, nada, nixi, Nullinger.

Ein Mensch, der sich selbst gern reden hört, wird in einem solchen Fall wehenden Rockschoßes die nächste Beschwerdestelle ansteuern um seinem Unmut Luft zu machen. Ich bin da einfach gestrickt und rumpelstilze mich am nächsten Infoschalter in Pose.

Die dort anzutreffenden Damen haben ihr Rumpelstilzchentraining trefflich absolviert. Mein herausgemoserter Unmut zerschellt an einer massiven Mauer brutaler Freundlichkeit. Mit ihr im Hintergrund werden mir verschiedene Erklärungsangebote gemacht, unter anderem der, dass der Zugführer womöglich nur versehentlich durchgesagt habe, dass die Anschlusszüge warten werden.

Laut Computer nämlich sei nie vorgesehen gewesen, dass der von hinten so beschauliche Zug warten sollte.

Angestrengt schauen die Amazonen ewiger Freundlichkeit auf ihren Bildschirm und reichen mir schlussendlich lächelnd die Karte des Kundenservices.

Ich stehe da und habe die schaurige Vermutung, dass die Bahn tatsächlich im Begriff steht, eine ganz eigene Form von Humor zu entwickeln. Ich stelle mir vor, wie der Zugführer nach der Durchsage hämisch lachend in seiner Kabine zusammenbricht.

Als nächstes werden sie einem im Speisewagen das Essen ohne Besteck servieren, während Kontrolleure zu entwertende Fahrkarten verbrennen um die ehemaligen Inhaber des Schwarzfahrens zu bezichtigen.

Für Gedanken dieser Art hätte ich durchaus noch Zeit. Der nächste Zug geht in einer Stunde.

Eine Stunde, werden sie sagen, das ist doch nichts. Aber ich erinnere sie daran, dass ich mich in Braunschweig befinde. Der Hauptbahnhof dieser Stadt ist ein Ort, an dem sich niemand länger als nötig aufhält, was vielleicht auch die überstürzte Flucht des Zugführers mitsamt meinem Anschlusszug erklärt.

In diesem Zusammenhang aber dämmert mir ganz allmählich, was für ein perfides System hinter dem Ganzen steckt: Bei der Braunschweiger Verspätungsstrategie handelt es sich ganz offensichtlich um eine Maßnahme zur zwangsweisen Bahnhofsvitalisierung. Verspätungen werden seitens der Bahn geschickt arrangiert, um den Geschäften innerhalb dieses tristen Bahnsarkophags Kunden zuzuführen und der Braunscheiger Bahnhofswirtschaft zum Aufschwung zu verhelfen!

Natürlich gegen entsprechende Anteile.

Das dürfte schon nicht unrentabel sein, wenn man überlegt, wozu 200 zwangswartende Fahrgäste auf einem Bahnhof neigen. Von Zeitungskauf bis Stoffwechsel ist da einiges zu holen. Wahrscheinlich besteht schlussendlich die halbe Braunschweiger Bevölkerung aus Gestrandeten, aus Bahnbrüchigen, deren Anschlusszug niemals kam und die so zu einem Teil jener Stadt wurden, die vor hundert Jahren wahrscheinlich lediglich aus einem Bahnhof bestand.

Mich schaudert bei dem Gedanken, in Bälde Braunschweiger zu sein.

Ich hoffe auf den nächsten Zug, während ich mit einem Cafe die Braunschweiger Wirtschaft ankurbele, Arbeitsplätze sichere und von der Bedienung erfahre, dass an diesem Bahnhof noch nie ein Zug gewartet hat.

Vielleicht ist es aber auch anders. Womöglich bedeutet „warten“ in dieser Gegend etwas anderes als dort wo ich herkomme. „Warte auf mich“ entspräche hier dann in etwa „Geh schon mal vor“, „er hat jahrelang auf sie gewartet“ würde in etwa „ er ist mehrere Jahre vor ihr geflohen“ bedeuten und ein Wartezimmer würde zu einem Raum, aus dem man Leute schnellstmöglich verjagt. Mit Hilfe von derlei sinnentleerten Gedankenspielen stehe ich es durch, mein Martyrium Braunschweigensis, und nach einer Stunde massiven Unterstützens des Wirtschaftsstandortes Braunschweig-Hauptbahnhof naht schließlich doch jener Zug, der mich tiefer in die niedersächsische Provinz tragen und mein Leben verändern wird.

Er hält sogar, hält zur vorgesehenen Zeit am angekündigten Bahnsteig.

Nicht dass das ungewöhnlich wäre, aber wie ich bereits andeutete, befürchte ich ja, dass die Bahn ein gewisses Maß an, ich möchte sagen beängstigenden Humor, zu entwickeln scheint.

Doch während ich einsteige, ist nichts davon zu bemerken. Da ist weder ein Kontrolleur mit Clownsnase, noch ein Furzkissen auf meinem Sitz.

Erschöpft hernieder sinkend vergegenwärtige ich mir noch einmal die Erkenntnisse der vergangenen Stunde, ihre Bedeutung für das Braunschweiger Stadtbild und die örtliche Kultur, deren Basis der Import unfreiwillig Wartender und ihre Ressourcen darstellen.

Ich bin eine Stunde zu spät.

Doch in fünf Minuten soll dieser Zug abfahren. Kann es tatsächlich sein, dass sich die Bahn an diesem Tag tatsächlich einen letzten Scherz verwehrt und mir keine weiteren Steine in den Weg legt? Es scheint beinahe so. Ich sinke einmal mehr in meinem Sitz zurück, wähne mich einmal mehr in jener trügerischen Sicherheit, wie sie im Inneren eine Wagons der deutschen Bahn grundsätzlich völlig fehl am Platz ist.

Dann ist er gekommen.

Der Zeitpunkt der Abfahrt.

Oder sollte ich besser sagen „der theoretische Zeitpunkt der Abfahrt“? Womöglich auch „der Zeitpunkt der theoretischen Abfahrt“? Das Ergebnis ist das gleiche: der Aggregatzustand des Zuges ist stehend, derweil er fahrend sein sollte.

Die souveräne Stimme des Zugführers vermeldet, dass die Abfahrt des Zuges sich um einige Minuten verzögert, da noch auf Anschlussreisende gewartet werden müsse.

Und milde lächelnd nehme ich auch die zusätzliche Verspätung ohne Aufpreis noch in Kauf.

Vor kaum einer Stunde hatte ich mich in diesem Bahnhof in dem nie ein Zug wartete, ob dieses Umstandes beschwert.

Und nun wartete direkt unter mir der wohl erste Zug in der Geschichte des Braunschweiger Bahnhofs. Fortan, würde niemand hier mehr stranden. Reisende würden in die Arme ihrer Liebenden heimkehren, zurück zu ihren Familien, denn von nun an würden die Züge warten.

Ich hatte dieser Braunschweig ein neues Gesicht verliehen.

Braunschweig, dessen Einwohner eigentlich nur auf ihren Anschlusszug warten…

© christian von aster

Donnerstag, April 26, 2007

OPERATION PREIS

oder

das Arcor-Komödienstadl zu Gast in Berlin

Vor nunmehr einem knappen halben Jahr beschloss ich, mein kläglich analoges Online-Dasein zu ändern. Unbedarft wie ich war, ließ ich mich für dieses Vorhaben vom Fernsehen inspirieren.

Doch weder Freenet-Hühner noch Lycos-Dalmatiner vermochten mich zu überzeugen. Schließlich wollte ich eine DSL Flatrate und nicht in den Zoo. Und so war es schließlich die Firma Arcor, die den Zuschlag bekam. Ihre Kampagne trägt den wohlklingenden Namen OPERATION PREIS und ihr zentraler Aspekt ist ein vertrauenswürdiger Chirurg, der auf Plakaten und in Fernsehspots die Preisschere ansetzt, um dem Zuschauer die radikal kundenfreundliche Preispolitik vor Augen zu führen, welche die Firma vermeintlich praktiziert. Aber Pusteblume. Doch dazu später mehr. Die Rolle dieses chrirurgischen Hochstaplers ist nicht zufällig gewählt. Der Konsument wird mit einem vermeintlich studierten Mediziner konfrontiert, der sein Leben durch einen lang geübten Schnitt schöner machen kann. Tückisch. Und auch ich war bereit, mir meine Mandeln, meinen Blinddarm und was immer nötig war von ihm entfernen zu lassen...

Mein Weg führte mich also direkt zu einer Arcor Wegelagererstation, die eine emsige Schwesternhelferin in einer Saturn Hansa Filiale aufgeschlagen hatte. Wäre ich kritisch und nicht von Dr. Brinkmann geblendet gewesen, mir wäre die allzu deutliche Parallele zu mittelalterlichen Scharlatanen aufgefallen, die, aus Angst, man könnte ihnen ihr vermeintliches Wundertonikum samt Flasche rektal zurückerstatten, keinen Ort zwei Mal bereisen. Ich aber schwebte auf einer Wolke multimedial erzeugten Vertrauens zum Pult der blauroten Schwesternhelferin, um mein Kreuz bei Arcors vielgepriesenem „Rundum-Sorglos Paket“ zu machen. Rundum Sorglos scheint jedoch dort wo ich herkomme etwas anderes zu bedeuten als bei Arcor.

Doch als ich den digitalen Wundertinkturstand verließ, war ich noch immer überzeugt, das richtige getan zu haben. Und als ich heimfuhr, meinte ich meinen Teil der Arbeit getan. Die vier bis sechs Wochen Wartezeit, welche die Firma sich eingeräumt hatte, schienen mir ein kaum ernstzunehmendes Ärgernis. Aber auch unter vier bis sechs Wochen versteht man bei Arcor etwas anderes als im Rest der Welt.

Ich gehe inzwischen davon aus, dass man sich einfach verschrieben hat. Inzwischen ist nämlich ein halbes Jahr vergangen. ‚Vier mal sechs Wochen’ statt ‚vier bis sechs Wochen’. Diese Zeit aber verging nicht, ohne dass die Firma Arcor mich regelmäßig ihrer aufrichtigen Freundschaft versichert hätte. Jeden Monat bekomme ich einen kumpeligen Brief, dessen Text sich auf zweierlei reduzieren lässt:

1.) Ach Du, wir haben technische Probleme. Das tut uns furchtbar leid, aber wir melden uns, wenn sich was ändert. Und

2.) Hey, natürlich sind wir bereit, Dich für deine entstandenen Mehrkosten zu entschädigen. Allerdings nur solange uns das nichts kostet.

Diese köstlichen Spaßmacher - denn um diese handelt es sich ganz augenscheinlich - bieten mir ernsthaft an, dreißig Euro meiner ersten Arcor Rechnung zu übernehmen. Auf keinen Fall aber mehr. Eine Großzügigkeit die mich beinahe beschämt, zumal ich durch geschickte Investition dieser 30 Euro sicher innerhalb einiger Jahre die wenigen hundert Euro wieder reinbekommen könnte, welche die Verzögerung des in Aussicht gestellten Tarifs mich bis heute gekostet hat.

Man sollte übrigens nicht denken, dass sich auf den Inkompetenzerklärungen der Firma eine Kontaktnummer befände. Allenfalls eine kostenpflichtige Hotline. Ja, „Service“ und „Dienstleistung“ werden bei Arcor großgeschrieben und dann entschieden durchgestrichen.

Aber wenn man sonst keine Freunde hat, dann freut man sich zumindest über die regelmäßige Post. Und ich kann mir ernsthaft vorstellen, dass die allmonatliche Arcor-Vertröstungsdepesche ein einsames hochsuizidales Individuum über drei Jahre hinweg trösten und vom letzten Schritt abhalten kann. Doch ob ich auch diese sozialpsychologische Komponente durchaus schätze, muss ich mich davon doch ausnehmen. Ich nämlich bin lediglich einer von der Sorte, der das haben will, was er bestellt hat - was da wo ich herkomme übrigens vollkommen üblich ist.

Bei Arcor anscheinend nicht.

Augenscheinlich lässt sich eine DSL Flatrate eher beim Hütchenspielen gewinnen, als bei Arcor in Auftrag geben.

Wenn aber jemand etwas verkauft, was er gar nicht hat, ist das letztendlich nichts anderes als Betrug. Aber vielleicht meint Arcor das alles gar nicht böse.

Womöglich stammt die Firma bloß aus irgendeinem zurückgebliebenen Hinterlandstaat, wo man sich für das Erfüllen von Verträgen vier Jahre Zeit lässt und statt mit Geld auch mit Kartoffeln bezahlen kann.

Mein persönliches Dilemma schmälert das allerdings nicht.

Und wenn ich dem Bild mit dem Chirurgen treu bleibe, dann liege ich inzwischen im übertragenen Sinn seit vier Monaten mit einem Blinddarmdurchbruch auf dem Arcor OP-Tisch und warte, wodurch die OPERATION PREIS ein ganz neues Gesicht bekommt, lohnt eine Operation doch in der Regel bloß, solange der Patient noch lebt.

Aber auch das ist dort wo diese Leute herkommen vielleicht anders…

Ich will jedoch nicht weiter fremde Gepflogenheiten verhöhnen, möchte jedoch für den unbedarften deutschstämmigen Konsumenten ein paar kleine Orientierungshilfen im Umgang mit der Firma Arcor aufzeigen:

- „Rundum Sorglos“ bedeutet bei Arcor „ein halbes Jahr Ärger“

- „vier bis sechs Wochen“ meint dort „vier mal sechs Wochen“

- wenn sie wollen, können sie bei Arcor auch mit Kartoffeln bezahlen

- wenn sie wirklich keine DSL Flatrate haben möchten, sollten sie am besten zu Arcor gehen.

Die können das und sind quasi die besten.

Diese wenigen Punkte dürften einige Missverständnisse vermeiden helfen.

Erstaunlicherweise hat die Kartoffelfirma es geschafft, als Trikot-Sponsor von Hertha BSC Berlin zu agieren. Ich weiss jedenfalls woran es liegt, wenn der Verein ein halbes Jahr lang kein Tor schießt…

Zum Abschluss bitte ich den geneigten Leser, sich vor Augen zu führen, wie viele zigtausend Leute der blau-rote Verein auf diese Weise seit wie vielen Monaten schon verarscht. Kaum nämlich dass dies getan ist, dann ist man geneigt dem prägnanten Schlusssatz des Arcorwerbespots beizupflichten:

Chef, so leicht macht Ihnen das keiner nach…

Sonntag, April 08, 2007

Neulich bei den Thermopylen

oder Asterchen, kommst du ins Kino...

"300". Voila. Ein Film, auf den ich mich zugegebenermaßen sehr lange gefreut habe. Ich bin ein Freund der Graphic Novels von Frank Miller, habe Sin City sehr genossen und wollte mich auch hier redlich vergnügen. In diesem Zusammenhang gestehe ich, ebenso ein Faible für gut inszenierte graphische Gewalt wie auch Sexualität zu haben. Alles in allem, keine schlechten Voraussetzungen, mich mit 300 Spartanern auf den Weg zu machen, um auf dem Thermopylen-Pass einer erdrückenden persischen Übermacht zu trotzen.

Womit wir bei der Handlung wären.

Mitten in der Antike nahert sich ein übermächtiges persisches Heer unter dem perischen Großkönig Xerxes Griechenland, um dieses zu erobern. Obwohl man nicht willens ist, sich ihm zu unterwerfen, sind die Griechen, allen voran die Stadt Athen, aufgrund verschiedener politischer Verwicklungen auch nicht willens, sich dem nahenden Heer in den Weg zu stellen. Auch die Bewohner Spartas bekommen die Gelegenheit sich kampflos zu ergeben, erweisen sich allerdings hierfür als die falscheste Adresse. Leonidas, König von Sparta, bricht mit 300 seiner besten Soldaten auf, um Xerxes in auf dem Thermopylenpass, dessen Enge die persische Übermacht hinfällig werden lässt zu trotzen. Es stoßen noch ein paar versprengte aber motivierte Griechen zu ihnen, und dann geht es los. Der Rest des Filmes ist prächtiges Schlachtengemälde, Heldengesang und eine Geschichte heroischen Scheiterns.

Die Basis des Filmes ist der gleichnamige Comic von Frank Miller, der sich wiederum von realen Begebenheiten inspirieren ließ. (die erste Schlacht bei den Thermopylen (480 v.Chr.)).

Der Zuschauer erlebt in diesem Film also die Umsetzung einer Interpretation einer Interpretation, die jede künstlerische Freiheit lässt. Die Umsetzung dieser Interpretation erfolgt hammermäßig. Visuell und ästhetisch schmettern die Bilder, die direkt an Millers Comic angelehnt sind, den Zuschauer in den Sessel.

Aber wenn man dann das Kino verlässt, beschränkt sich das Kino Erlebnis im nachhinein auf das Gefühl, einen Metal-Song gehört zu haben. Mir persönlich reicht das allerdings nicht.

Andere Kritiker führen im Bezug auf 300 gerne das Adjektiv „faschistoid“ ins Feld Das ist bedauerlicherweise nicht ganz falsch. Der Film bemüht sich nämlich ebenso um die Glorifizierung seiner heroischen Protagonisten wie auch die Degradierung seiner Feinde. Bei denen handelt es sich überwiegend um Krüppel, Mutanten und kleine und maßlos unterlegene Vertreter nahöstlicher Kulturen, so dass das Ganze zu einem großen Krüppelklatschen verkommt. Freunde des Filmes führen gerne den Aspekt der historischen Korrektheit ins Feld, der über dem der vermeintlichen politischen Inkorrektheit stehen müsste. Ja, die Spartaner waren ein Volk von Übersoldaten, die dies fraglos in Ethos und Handeln gezeigt und empfunden haben. Die Schlacht bei den Thermopylen sah zwar ein klein wenig anders aus, denn auf der Seite der Spartaner kämpften insgesamt 4.000 Griechen, aber das persische Mutantenstadl sollte den Historikern unter den Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. Obwohl dieser Aspekt ohnehin hinfällig ist, da es sich um eine Umsetzung einer Interpretation aus zweiter Hand handelt.

Eine solche hat gewöhnlich keinen moralischen Anspruch, was aber im Gegenwartskontext etwas problematisch ist.

Jede große Fantasy Saga, von Conan bis zum Herrn der Ringe hat moralische Aspekte. Und das zurecht. Selbst der etwas überpathetische „Kingdom of Heaven“ billigte den Gegnern seiner so rechtschaffenen Heere Qualitäten zu. „300“ nicht. Es ist eine Metzel Soap in der Gut und Böse so klar zu unterscheiden sind, dass es weh tut. Daran tut auch das bisschen Alibi-Hanldung und historischer Eiertanz keinen Abbruch.

Ich bin mit Sicherheit kein moralischer Mensch, aber es gibt Filme, die bei mir einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Gerade wenn andere sie gerne als bloße Unterhaltung abtun. Nichts was die Massen erreicht ist bloße Unterhaltung. (Angefangen hat diese Erkenntnis übrigens bei „The Devil's Rejects“, der eigentlich ein richtig gut gemachter Horrorfilm ist)

Ergo ist das „300“ schlussendlich erwartungsgemäß spartanisch. In jeder Hinsicht, abgesehen von der graphischen.

Wer sich diesen Manowar-Breitwand Exzess gönnen möchte, dem sei er vergönnt, er soll aber eben nicht mehr als grandiose Bilder und unfehlbare Heldenstereotypen erwarten.

(Und ein paar wenige zugegebenermaßen großartige Dialoge, inmitten der heroischen Platitüden.)


Montag, März 26, 2007

GRENZERFAHRUNG BUCHMESSE

Happy Manga Overkill

Buchmesse Leipzig.
Jedes Jahr wieder ein Vergnügen.
Und dieses Mal wieder: Buchpremiere. Und zwar um 16:30 Uhr.
Um das Ganze etwas spannender zu gestalten, trinken wir bis 16:00 Uhr in einem entlegenen Teil Leipzigs Kaffee. Hier testen wir auch den Videobeamer, der uns bei der Vorstellung unseres Buches unterstützen soll. Alles funktioniert einwandfrei. Wir begeben uns auf die falsche Autobahn und verfahren uns bis 16:10 Uhr so hoffnungslos wie möglich.
Es folgt telefonisch hilflose Kontaktaufnahme mit Leipziger Ureinwohnern.
Darauf Kurskorrektur.
Wenig später Kontaktpersonen auf Buchmesse darüber ins Bild setzen, dass möglicherweise Buchvorstellung ohne Buch und Autor stattfinden wird.
Im Anschluss Straßenverkehrsordnung kreativ ausgelegt.
Erlaubte 80 km/h großzügig aufgerundet.
16:20 Uhr Insichtkommung des Messegeländes.
Beschleunigung.
Einparken, aufladen, losrennen. Dabei wie motivierte Terroristen wirkend, auf dem Rücken Fotorolle, Stativ, hier eine Tasche, da ein Tasche. Irgendwo noch eine Tasche.
Karte kaufen.
Drehkreuz passieren. Irritiert sein. Weil: Alles wird von bizarren Kostümen beherrscht. Junge Menschen mit Hasenohren, Ninja-, Vampir- und Schulmädchen-Outfit lagern in den Gängen. Meine kargen Kenntnisse japanischer Comic-Kultur reichen zumindest aus, das Phänomen zu identifizieren: Manga. Manga verändert die Menschen. Besonders in Halle 2 und nicht immer zum positiven.
16:25: Vorbeihasten an jungen Menschen mit aufgemalten Bartstoppeln und Plastik-Schwert. Passieren von Fantasy-Gruppe. Zwerg mit Hammer. Bart bis zu den Füßen, daneben wogendes Dekolleté von ca. 1qm.
Früher war alles anders.
Wäre man damals als Halbwüchsiger in einem Biene Maja oder Heidi-Kostüm (ggf. auch Pittiplatsch und Lolek oder Bolek) bei irgend einer Messe aufgelaufen, wäre man wahrscheinlich achtkantig wieder rausgeflogen.
Heute kommt man damit umsonst rein.
16:28: Überhasteter Aufbau, Mikrofonübernahme. Charmant zusammenhangloses Gestammel. Technik-Kollaps. Beamer-Fehlfunktion. Improvistation. Buch vorgelesen. Bilder weggelassen.
16:45: Buch fertig gelesen. Beamer repariert. Triumph des Absurden. Jetzt also Bilder zeigen. Dafür Text weglassen. Publikum erträgt all das gleichmütig. Illustrator steht amüsiert im Hintergrund.
17:00: Lesung fertig. Applaus. Auch ohne albernes Kostüm. Mit wäre es womöglich mehr gewesen. Vormerken. Vielleicht Captain Future.
Das Publikum erhebt sich, ein junges Mädchen setzt seine 1,00 m langen Hasenohren auf und ich bin irgendwie neidisch.

Sonntag, März 18, 2007

AUF DIE JUGEND

ein Trinkspruch wider die Bigotterie


Nach dem 30. Tequila möchte ich nun eine kleine Pause einschieben.

Auch, wenn mein zehnjähriger Neffe dadurch vielleicht aufholen und das sonntägliche Wettsaufen doch noch für sich zu entscheiden wird.

Doch gerade ist auf dem Spielplatz gegenüber ein Rettungsteam vorgefahren. Die Sanitäter versuchen, ein halbes Dutzend bewusstloser Halbwüchsiger von ihren Jägermeisterflaschen zu trennen, und ich denke, dass es vielleicht nötig ist, ein paar Worte zu aktuellen Problemen zu verlieren.

Tatsächlich ist ein 16jähriger Komatrinker, keine gute Werbung für die Alkoholikerlobby.
Aber ein Jugendlicher, der sein suchtpotentialbedingtes Geltungsbedürfnis nicht im Zaum halten kann ist alles andere als repräsentativ. Seit Generationen saufen anständige Jugendliche sich lediglich bis in die Nähe des Komas, übergeben sich scherzend und gern auch in Gruppen und schlafen dann ein. Wenn sie Brüste haben, werden sie dann nicht selten noch ein wenig belästigt. Üblicherweise wird dann irgendwann aufgewacht und (ebenfalls in Gruppen) über Kopfschmerzen gejammert.

Einseitige journalistische Hetzkampagnen aber gefährden alkoholische Initiationsrituale.

Das gesellige Vorglühen, Abfüllen und Nachschütten sind, was wir nicht vergessen wollen, unabdingbarer Bestandteil unser Kultur
Die Anstrengungen gereifter Alkoholiker, die sich nicht selten bereits ein ganzes Menschenleben bemühen, ihren Kinder die Promille-Mysterien nahezubringen, drohen zunichte gemacht zu werden!

Was aber jene vermeintlichen Abstinenzler vergessen, ist der Umstand, dass der gegenwärtige Aufschwung unseres Landes nicht zuletzt auf beherzte Komasäufer zurückzuführen ist. Wie wir alle wissen, teilt sich die Alkoholsteuer hierzulande in drei Klassen auf: die Bier-, Branntwein-, und Schaumweinsteuer. Im Falle des hier verwendeten Tequilas verdient der Fiskus im Rahmen der Branntweinsteuer an 100 verkauften Litern 1.303 €. Unser komatöser Kamerad hat mit seinen 52 Gläsern somit etwa 1,50 € für Gevatter Staat erwirtschaftet. Und an dieser Stelle wird bereits ersichtlich, was Jugendliche Alkoholiker für dieses Land tun können. Chancen auf Arbeit haben sie nicht, werden kaum jemandem seine Rente sichern. Aber sie können trinken. Dementsprechend braucht es pro Abend kaum mehr als 1000 motivierte junge Menschen in allen größeren deutschen Städten, und der Aufschwung ist gesichert.

Das sind Zahlen über die niemand nachdenkt. Stattdessen infiltriert das verfrömmelte Gebaren maßvoller Trinker auch die Gemüter unserer jungen Hoffnungsträger. So fordert etwa eine Jugendliche, die sich nicht um das Volkswohl zu kümmern scheint, in einem Forum ein gesetzliches Limit von 45 Gläsern Tequila. So viel Verantwortungsbewusstsein. Aber leider am falschen Platz. Nimm deine Freunde Mädchen, zieht los, und 70 Tequila sollten euer Ziel sein! Im gleichen Forum, fordert ein anderer junger Mensch umsichtig, dass man dem tequilophilen Koma-Patienten nach dem Erwachen sein Abiturzeugnis wegnehmen möge. Nun, einem 16-jährigen sein Abitur abzuerkennen wird nicht leicht sein, aber der moralische Ansatz ehrt den Autor ohne Zweifel.

Doch bringt uns derlei weiter? Verbote? Reglementierungen? Mitnichten. Übermäßiger Alkoholkonsum ist seit Jahrhunderten einer der Grundpfeiler des Kapitals. Kultiviert im Zuge der Industrialisierung, als Unternehmer in vorbildlicher Manier und aus purer Freundlichkeit, günstige Kneipen unweit der Arbeiterbaracken auf den Werksgeländen errichteten.

An hehren Vorbildern wie diesen orientieren sich heute die Hersteller alkoholhaltiger trendiger Limonaden. Ihnen gebührt unser Dank, jedem quietschbunten Merchandise-Stand, an dem junge hippe Menschen anderen jungen Menschen ein Gläschen kredenzen! Jedem Hersteller, der ein Getränk mit einem derart lustigen Namen erfindet, dass alle im Kindergarten Spaß daran haben.

Nicht unsere Rüge. Auch wenn sie im Eifer des Gefechtes manchmal nach dem Alter zu fragen vergessen. Das Leben ist schließlich eine einzige bunte Party, eine große dufte Sause. Und wir lassen uns das feiern nicht verbieten.

Verdammt, jetzt hat der kleine Racker schon seinen 40. runtergekippt.

Jetzt muss ich mich aber ranhalten.

In diesem Sinne: Prost!

copyrihgt christian von aster