Sonntag, Februar 14, 2016

VOM PHÄNOMEN DER ENTANTWORTUNG


VOM PHÄNOMEN DER ENTANTWORTUNG

eine allgemeine Betrachtung zum Auslöffeln der Suppe im großen Stil




Jeder, der unvorsichtig genug war, eine Frage zu seinem Mobilfunktarifes lieber telefonisch klären zu wollen statt ihn im ehrlichen Faustkampf mit seinem persönlichen Berater auszufechten, kennt ihn: Jenen semitautomatisierten Kommunikationsspießrutenlauf zwischen Spracherkennung, Musikkonserve und einem bedingt motiviertem aber um Freundlichkeit bemühten Mitarbeiter. (Wobei letztere einen mitunter sogar kontaktieren, ohne dass man eine Frage hätte. Nur um die Vorteile neuer Tarife zu propagieren oder einen in die Niederungen der repräsentativen Umfragehölle zu locken. In dem einen wie dem anderen Fall kann der Endverbraucher davon ausgehen, am anderen Ende der Leitung, jemanden vorzufinden, der nicht verantwortlich ist. Weder im Hinblick auf den Mobilfunktarif noch irgend etwas anderes, das zu diesem Zeitpunkt mit jener Person geklärt werden könnte. Sie bildet in ihrem Callcenter am Ende der Welt vielmehr einen natürlichen Schutzwall zwischen den Verantwortlichen und dem zu Verantwortenden. Die persönliche Verantwortung des Callcentermitarbeiters ist hinsichtlich des Problems tatsächlich so weit verdünnt, dass sie allenfalls noch in homöopathischer Dosierung vorhanden ist.

Ein Phänomen, das seinen Weg in unsere Gesellschaft gefunden und sich derart verselbstverständlicht hat, dass die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen sich dieser Tage mitunter leichter als ein Verantwortlicher findet. Dem Ganzen liegt das Prinzip der Entantwortung zugrunde, deren Inhalt Schaffung einer größtmöglichen Entfernung zwischen Verantwortung und Verantwortlichem mit allen zur Verfügung stehendenden Mitteln von Hierarchie bis Bürokratie ist.

Besagter Entantwortung wohnte freilich, wäre sie ein ledigliches Callcenterproblem und erstreckte sie sich lediglich auf die unsachgemäße Handhabung von Irgendwas, ein gewisser Unterhaltungswert inne. Den hat sie auch bei der Deutschen Bahn, Zugreisende durch Verschweigen etwaiger Verspätungen in demaiziérscher Manier nicht zu verunsichern trachtet und für alle schließlich doch auftretenden Probleme und sich entladende Aggression lediglich den Fahrkartenkontrolleur sowie eine nicht ganz ernst zu nehmende Entschädigungsregelung zur Verfügung stellt.

Ähnlich verhält es sich auf dem nächsthöheren Level im Unglücks- oder Katastrophenfall, der sich im entantwortlichen Sinne durch Entlassung eines Vorstands mit vollen Bezügen, kaum nennenswerte Zahlungen und entsprechende mediale Ausrichtung der öffentlichen Aufmerksamkeit aus der Welt schaffen lässt. Ganz im Sinne von Ambrose Bierce, der die Aktiengesellschaft bereits in seinem satirischen Wörterbuch des Teufels als eine raffinierte Einrichtung zur persönlichen Bereicherung ohne persönliche Verantwortung definierte.

Womit natürlich noch nicht einmal die politische Ebene angerissen wäre, in deren Rahmen ja nicht nur Krieg, Korruption und einiges mehr entantwortet werden muss, sondern jeder der seinen Hut nehmen muss auch noch eine Hand für den Geldkoffer frei und gegebenenfalls auch noch einen Sündenbock im Aktenschrank hat.

Die Vielfalt der Entantwortungsmechanismen ist immens und sie prägen uns alle. Heutzutage scheint niemand mehr für etwas geradezustehen, was er einem anderen in die Schuhe schieben kann. Oder um es mit dem alten Bismarck zu sagen: „Die Scheu vor der Verantwortung ist eine Krankheit unserer Zeit.“

Selbst die Tatsache, dass man in vielen Fällen zumindest noch nach dem Geschäftsführer rufen kann, täuscht nicht darüber hinweg, dass dieser Tage kaum noch jemand aufsteht und öffentlich sagt: Ich war’s. hab’s verbockt.

Genauer betrachtet, leben wir in einer Gesellschaft, in der Verantwortung vor allem für Anschläge und überwiegend von Terroristen übernommen wird.

Was ich persönlich ein wenig irritierend finde.

1 Kommentar:

Hanka hat gesagt…

Lustige Begebenheiten aus meinem Berufsalltag, die ich mir dank deiner Ausführung nun endlich erklären kann:
Ich war im vergangenen Jahr zwei Mal genötigt, für einen Fehler geradezustehen, den ich ganz allein zu verantworten hatte. Mag es an meiner pragmatischen Erziehung oder an der Freiberuflichkeit liegen, derzufolge ich schlicht keine Mitarbeiter oder Vorgesetzte habe, auf die ich Schuld abwälzen könnte: Ich räumte meine eigene Schussligkeit ein und bat um Entschuldigung. Und siehe da: Sie wurde mir nicht nur gewährt, sondern es wurde sich dafür bedankt! Zwei Mal Sache-verbockt, zwei Mal mit einem Danke des Gegenübers und einer Verwunderung meinerseits aus der Sache entlassen worden.
Nun ahne ich endlich, warum dies so kam: Offensichtlich ist das Einräumen eigener Fehler ein so seltenes Gut geworden, dass man es schon allein wegen seiner Exklusivität zu schätzen weiß. Danke für diese Erkenntnis!
Und die Moral von der Geschicht: Gib deine Fehler zu, solange es kein anderer tut. Man wird es dir danken.

Außer den Terroristen. Die haben eben einen echt undankbaren Job.